Von unserem Münchener Korrespondenten

P. L. München, im November

Die ersten Scharmützel im Kampf um die Wahlen zum Bayerischen Landtag, die am 26. November stattfinden werden, haben begonnen. Als erstes sichtbares Anzeichen erschienen, wie üblich, zunächst die giftgrünen Plakate der WAV an den Münchener Anschlagsäulen, auf denen Alfred Loritz versicherte, er werde weiterhin „den alten Versagerparteien auf die Finger klopfen“. Kurz darauf hatte Bayern auch schon seinen neuesten politischen Skandal, den diesmal August Haußleiter, der Vorsitzende der „Deutschen Gemeinschaft“, verursachte, als er in einem drittklassigen Münchener Bierkeller den .gegenwärtigen Landtag verunglimpfte und erklärte, „es könnte der Tag kommen, an dem die Soldaten die CSU-Abgeordneten aus dem Landtag jagen würden“. Das beleidigte Parlament ließ diese Bemerkungen nicht auf sich sitzen und beschloß den Führer dieser nationalistischen Bewegung vor ein Ehrengericht zu zitieren.

Man erwartet allgemein, daß die kommenden Wahlen dem neuen Landtag ein völlig verändertes Gesicht geben werden. Zwei Gruppen sind es vor allem, die unter großem propagandistischem Aufwand auftreten und deren Erfolg schwer abzuschätzen ist. Die eine ist die Bayernpartei und die andere der „Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten“. Die eine Partei wendet sich an die konservative „bajuwarische“ Bevölkerung, und ihr Programm gipfelt in dem Dogma von der bayerischen „Eigenstaatlichkeit“. Die andere Bewegung appelliert an die Unzufriedenheit und Enttäuschung der heimatvertriebenen Massen und anderer Kriegsgeschädigten, Und dennoch wäre es oberflächlich geurteilt, wollte man von diesen beiden Gruppen her allein die Entscheidung über die künftige Entwicklung erwarten. Die Entscheidung reift in den Reihen der CSU, die nach wie vor die Schlüsselstellung im politischen Leben Bayerns innehat. Diese Partei ist in den jüngsten vergangenen Wochen in die Endphase eines, internen unsichtbaren Kampfes getreten, jenes Kampfes zwischen den beiden Antagonisten, deren unversöhnlicher Gegensatz die tiefere Ursache der vielfältigen inneren Parteikrisen gewesen ist. Es handelt sich um den nunmehr fünf Jahre andauernden Konflikt zwischen dem bayerischen Kultusminister Dr. Alois Hundhammer und Justizminister Dr. Josef Müller. Sieger nach Punkten: Der Kultusminister.

Dieser Dr. Hundhammer ist der einzige unter den CSU-Prominenten, den Dr. Josef Baumgartner, der Vorsitzende der Bayernpartei, noch nie angegriffen hat. Und er selber hat sich – umgekehrt – nie mit einem Sterbenswörtchen gegen die Bayernpartei geäußert. Vertreter der Bayernpartei lassen bereits heute unzweideutig erkennen, daß ein Zusammengehen mit der CSU nach den Wahlen naheliege, falls die „störenden Elemente“ (sprich: die Freunde Dr. Müllers) kaltgestellt würden. Bei den Bundestagswahlen stellten beide Parteien zwar zusammen 41 von insgesamt 78 bayerischen Abgeordneten. Sie hatten also ein knappes Übergewicht. Diese Mehrheit erscheint aber dieses Jahr keineswegs mehr gesichert, da der BHE zweifellos Stimmen von der CSU abziehen wird. Die Entscheidung steht also auf des Messers Schneide.

Der Gedanke, daß Hundhammer nicht nur die CSU und Bayernpartei unter einen Hut bringen werde, sondern auch als der künftige Ministerpräsident zu betrachten sei, versetzt vor allem die bayerische SPD schon jetzt in einen Zustand erbitterter Depression. Die bayerische SPD hat ihre Oppositionsrolle schlecht gespielt, wobei man ihr allerdings zugute halten muß, daß sie diese Rolle auch gar nicht gut spielen konnte. Ihre Angriffe gegen Hundhammers konfessionelle Kulturpolitik verlieren dadurch an Überzeugungskraft, daß die SPD seinerzeit daran mitgewirkt hat, die Konfessionsschule verfassungsmäßig zu begründen. Und die Diskreditierung der Erhardschen Wirtschaftspolitik erweist sich in Bayern, wo die Spannungen zwischen Unternehmern und Arbeiterschaft geringer sind als anderswo, nicht als übermäßig wirkungsvoll. Die SPD wird auch nicht damit rechnen können, bei den Flüchtlingen Boden zu gewinnen, sie wird eher Stimmen an den BHE abgeben müssen. Allerdings dürfte die bayerische Dependence des „Blocks der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ keine Aussicht haben, einen ähnlichen Erfolg zu erringen wie die schleswig-holsteinische Schwesterorganisation. Der Flüchtlingsanteil an der bayerischen Bevölkerung ist nur halb so groß wie in dem Land des Nordens. Im übrigen stellt der bayerische BHE mehr eine Sammlung verschiedener Gruppen dar, denen sich auch Haußleiters „Deutsche Gemeinschaft“ angeschlossen hat, und man hat den Eindruck, als ob hier zu viele Köche ihr Süppchen kochen wollen.