Rlt., Dortmund, Anfang November

Der 1. Vorsitzende der Industriegewerkschaft Metall, Herr Freitag, hat kürzlich von sich reden gemacht, als er nach einem alliierten Kadi rief: nicht die Deutschen, sondern die Alliierten allein sollen die Stahlkonzerne liquidieren! Als dieser Vorstoß von Belegschaften der Eisen- und Stahlindustrie ablehnend kommentiert worden war, rief Herr Freitag in Dortmund, im Gästehaus les Hoesch-Konzerns, sämtliche Betriebsräte des Stahlvereins zusammen. Damit man „unter sich“ sein konnte, galt strengste Einlaßkontrolle. Betriebsratsmitglieder, die nicht auch zugleich Gewerkschaftsmitglieder sind, wurden – teilweise gewaltsam – ausgeschlossen. „Ich wende die Gewerkschaftsdiziplin wiederherstellen‘, drohte Herr Freitag. „Auf keinen Fall kann die Bildung von Betriebsratsausschüssen geduldet werden, auf deren Sitzungen von einzelnen Betriebsräten Mißtrauen gegendie Gewertschaftsführung geäußert wird.“ Betriebsräte, die Angelegenheiten des Werkes mit ihren Direktoren besprechen, ohne vorher die gewerkschaftliche Auffassung eingeholt zu haben, wurden verwarnt: „Wir halten es niemals für richtig, was die Konzernherren für richtig halten; mit diesen Herren zu einer Verständigung zu kommen, ist eben ein Ding der Unmöglichkeit. Was Freitag hier verlangt, ist also blinder Gehorsam den Befehlen eines gewerkschaftlichen „Generalstabs“ gegenüber, ist Klassenkampf und Verbot jedes selbständigen Gesprächs zwischen Betriebsrat und Verwaltung. Es ist die Methode der Sowjetzone, die hier hinter verschlossenen Türen der Arbeiterschaft aufgezwungen werden soll. Was Herr Freitag hier in Dortmund mit etwas gewaltsamen Umgangsformen demonstrierte, ist eine neue Auslegung der Begriffe „Demokratisierung“ der Wirtschaft und „Mitbestimmung“. Die betrieblichen Organe der Belegschaften werden schon jetzt, ehe sie allgemein eine wirkliche und vielleicht segensreiche Tätigkeit im Sinne des sozialen Ausgleichs erreichen können, von der Gewerkschaftsführung wegen ihrer Betriebssachkunde und -Verbundenheit als lästig empfunden.

Die Methode des Herrn Freitag, die politischen Machtansprüche der Gewerkschaftsführung so unverhüllt zur Geltung zu bringen, erscheint uns wenig glücklich, zumal der Zeitpunkt dafür sehr schlecht gewählt ist: es soll ja gerade erneut ein gemeinsames Gespräch über die innerbetriebliche Mitbestimmung, mit vielleicht positivem Ausgang, neu begonnen werden.