Heut hab ich einen guten Tag. Der Junge, der eben über die Straße kam, hatte Haare wie ein Kartoffelfeuer und sang: Das Wandern ist des Müllers Lust! Und in der Küche singt Karola ergreifend das Lied vom Räuber, der bei der Nacht seinen leiblichen Bruder überfiel. Er konnte natürlich nicht sehen, daß es sein Bruder war, denn es war zu dunkel dazu. So schürzte sich tragisch der Knoten.

So todestraurig aber auch diese Begebenheit im finstern Walde abgelaufen sein mag – mich stimmt sie eine Oktave höher, denn ich habe es gern, wenn die Mädchen in der Küche singen, Und es gefällt mir, wenn ein junger Bursche singend über die Straße geht. Aber das Vergnügen habe ich dicht oft, denn die Leute haben das Singen fast ganz verlernt. Der Kutscher auf dem Bock, die Hausfrau beim Saubermachen, der Fußgänger unterwegs, der Handwerker bei der Arbeit – sie alle singen nicht mehr, und den alten Witz von dem singenden Anstreichergesellen, der vom Meister mit den Worten zurechtgewiesen wird: „Du mußt nicht singen: Guter Mond, du gehst so stille, sondern: So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage!“ kann man kaum noch verstehen, obwohl es klar ist, daß bei „So leben wir“ der Pinsel über die Wände fahren muß wie ein Stachanowaktivist.

Man könnte meinen, die Menschen würden von Tag zu Tag unmusikalischer. Das ist aber sicher nicht der Fall. Denn es wird ja immer noch gesungen: in Schulklassen, Kompanien, Gesangvereinen, Kirchenchören. Nur eben das Lied, das der einzelne singt, bei der Arbeit, unterwegs oder nach Feierabend, das ist fast ganz verklungen.

Sind wir vielleicht zu nahe zusammengerückt und zu selten allein? Es sieht so aus, als könnten wir auch das Singen nur noch im Kollektiv, im Gleichschritt oder unterm Dirigentenstab. Und, nicht zu vergessen, unter Alsohol. Dann tönt’s in der Wirtschaft, laß die Scheiben klirren, nichts hält die Urgewalt des Gemütes zurück, voll Wonne wälzt es sich im deutschen Rhein und deutschen Wein und schallt’s im Marschtritt durch die Nacht. Und das ist nicht schön.

Am hellen Tag, wenn jeder mit seiner Arbeit beschäftigt ist, bleibt alles stumm. Sind es die Maschinen – sind sie es, die unsere ganze Aufmerksamkeit beanspruchen? Sind es die alles übertönenden Geräusche der Technik, vor denen unser Lied kapituliert? Oder hat uns das unermüdliche Radio stumm gemacht, das so bequem anzustellen ist und alles viel besser kann? Stehen wir vielleicht auf dem Standpunkt, wir hätten ja unsere Leute für alles, erste Kräfte, Spezialisten für jedes Gebiet, natürlich auch für den Gesang?

Es ist anzunehmen, daß diejenigen, die unsere Zeit und unser Leben für die Nachwelt aufzeichnen, bei ihren wichtigen Studien das Faktum übersehen, daß die Leute das Singen verlernt haben. Ich glaube nicht, daß sich in ihren Büchern eine entsprechende Notiz finden wird, obgleich, wer sie läse, vielleicht mehr erführe über uns als aus den originalsten zeitgenössischen Dokumenten. Hellmut Holthaus