Schauspielerinnen, Tänzerinnen, Sängerinnen stehen mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit, als etwa Schriftstellerinnen und Malerinnen. Ihre künstlerische Arbeit vollzieht sich vor den Augen des Publikums, dessen von Erotik nicht immer ganz freie Neugier durch die leibliche Darbietung geweckt wird. Dahinter lauert auch heute noch die Erwartung auf lasterhafte Histörchen aus dem Privatleben der Komödianten, die von alters her ein Recht auf schlechten Ruf haben.

Ein ungewöhnlicher Prozeß, der vor wenigen Tagen in Paris entschieden worden ist, warf ein Licht auf die Leichtgläubigkeit des bürgerlichen Publikums, wenn es um die Liebesaffären einer Diva geht. Simone de Beauvoir, die existentialistische Schriftstellerin, hatte in ihrem Buch Le deuxième sexe die Tänzerin Cléo de Merode als eine typische „Hetäre“ aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet. Zu allgemeiner Verblüffung meldete sich eine achtzigjährige Dame aus einem Pariser Vorort bei dem zuständigen Gericht und strengte eine Klage gegen den Verleger dieses Buches, Gallimard, an. Sie war niemand anders als Cléo de Merode selbst, deren Glanzzeit als Tänzerin in das erste Jahrzehnt unseres Jahrhunderts gefallen war und die damals in der ganzen Welt unbestritten als die Geliebte König Leopolds II. („Cléopolds“) gegolten hatte. Nun aber verwahrte sie sich streng gegen die Diffamierung durch Simone de Beauvoir und erzählte die Geschichte ihres zweifelhaften Rufes. Eines Abends habe der König das Pariser Theater besucht, in dem sie auftrat, sie in der Pause zu sich befohlen und ihr Vorhaltungen gemacht, daß sie als Pseudonym den Namen einer Familie des belgischen Hochadels trüge. Sie habe ihn jedoch überzeugen können, daß Cleopatre de Merode ihr tatsächlicher Name sei. Seitdem seien die Beziehungen des Königs zu ihr die eines Souveräns zu einer ihm befreundeten Dame der Gesellschaft gewesen.

Das Gericht erkannte ihre Darstellung an und verurteilte Gallimard zur Tilgung ihres Namens in Simone de Beauvoirs Buch. Cléo de Merode habe aus Gründen der Reklame nichts gegen die pikanten Gerüchte unternommen und damit selbst zur Bildung ihrer Legende beigetragen.

Nahezu vierzig Jahre hat Cléo de Merode ihren „schlechten Ruf“ getragen. Was mag sie veranlaßt haben, jetzt aus der Vergessenheit hervorzutreten? War sie selbst überrascht, daß man sich ihres Namens noch erinnerte? Ergriff sie die letzte Chance, vor der Nachwelt als das dazustehen, was sie wirklich war: eine Dame im vollen Sinne des Wortes?

Der Star von heute kann in eine solche Versuchung nicht mehr kommen. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, sang Marlene Dietrich, aber das galt nur für die „tolle Lola“, nicht für Marlene privat. Je verführerischer ihre Rollen wurden, desto mehr mußte sie auf ihren guten Ruf achten, denn die amerikanischen Frauenvereine gestehen den Künstlerinnen nicht mehr das Privileg des Lasters zu. Sie haben ihre Späherinnen in Hollywood, und wehe der Schauspielerin, die sich auf einem Schritt abseits vom Pfade der Tugend ertappen läßt.

Die grausame Strenge dieser Yugendwächterei hat Ingrid Bergman an sich erfahren müssen. Ihr wurde nicht einmal gestattet, woraus die Kunst lebt: das große Gefühl. Doch ihr schlechter Ruf in Amerika ist ohne ihr Zutun in Europa die beste Reklame für sie geworden. l. H.