Besonders den zwiespältigen Zentralgestalten der Historie werden im literarischen Nachruhm Kränze geflochten, deren Dekor sich mit dem Strom der Zeit wandelt. Der große Vorwurf der Geschichte liegt als modellierbarer Ton in den Händen des nachlebenden Autors; unvermeidlich, daß sich in der dann erstarrten Physiognomie Züge von dessen eigener Geistigkeit abzeichnen. Wenn darum der Zeitkritiker Hermann Kesten vier Jahrhunderte zurückgreift und um jenen Philipp (mit dessen Königtum die Vorstellung von der Inquisition ebenso verbunden ist wie das hellste Aufleuchten spanischer Weltmacht) die ganze Potenz einer vielschichtigen Epoche lebendig macht, dann haften auch diesem großartigen Bild die Kennzeichen seines Schaffens an: Der Mensch wird seiner Masken beraubt, sein Wesentliches mit allen liebens- und allen hassenswerten Schwächen preisgegeben. Kestens Anliegen, die Unzulänglichkeit des Homo sapiens nachzuweisen, senkt denn auch die Hauptfigur seines jetzt im Kurt Desch Verlag, München (685 S., Leinen 13,50 DM) erschienenen Romans „Ich, der König. König Philipp II.“ über Schillers imposanten Despoten hinweg in die Bereiche des wirklich Lebendigen ein. Der in den zwanziger Jahren früh erworbene Ruhm des heute fast Fünfzigjährigen (für seinen ersten Roman „Joseph sucht die Freiheit“ erhielt er den Kleistpreis) wurde in Deutschland Erinnerung, während der Emigrant in Amerika Anlassen gewann. Nun, da die Verbindung wieder geknüpft ist, erweist jede seiner deutschen Publikationen den in Form und Sprache gereiften Gestalter und entscheidender Aussage mächtigen Denker.

Yo el rey schrieb Philipp unter seine Briefe, Während Ludwig XIV. mit seinem L’etat c’est moi vitales Ancien régime bekundete, verbirgt sich die persönliche Schwäche hinter dem „Ich, der König“ des zweiten Philipp, die in Grausamkeit und Machtbegehren sich zu stärken sucht. Dieses Fazit seines Lebens: „Die Völker widerstehen nicht der Macht von uns Königen. Nur der einzelne widersteht uns. Das ist unsere Grenze ...“ ist zugleich der salomonische Extrakt, den Kesten aus seiner dramatisierten Biographie kondensiert. Jede Szene (alle verraten die authentischen Quellen) zehrt sich auf in verdichteter Spannung. Die Nebenakteure gruppieren sich gleich magnetischen Feldern um das königliche Zentrum, das wiederum im Auf und Ab größerer Zusammenhänge sich bewegt. Selbst wenn auf diesem Welttheater ein nicht bezeugter Spieler agierte, verlöre es nichts von seinem erschreckend aufrichtigen Glanz, würde der Durchblick durch die Ablagerungen eine! Jahrhunderts Geschichte nicht weniger erschütternd sein. schl.