Gibt es eine ansteckende Kominformkrankheit, die sich als Gehirnblutung äußert? Die Frage ist nicht unberechtigt, wenn man bedenkt, daß die beiden weitaus bedeutendsten europäischen Kommunistenführer, Thorez und Togliatti, zur Zeit in Paris und in Rom mit solchen Symptomen im Krankenhaus liegen. Besonders charakteristisch scheint der Fall Togliatti zu sein. Sein Fall wurde nicht durch eine Meldung der KPI bekannt, sondern durch die römische Zeitung Momento, die am 29. Oktober zwei Konfidentenberichte veröffentlichte, für die sie die volle Verantwortung übernahm. Danach seien Ende September vier sowjetische Agenten mit tschechischen Pässen aus Paris nach Italien eingereist: Reinhold Lawatschek, Karl Werner, David Ciantek und Franz Tyzska. Diese Agenten hätten sich mit Togliatti und verschiedenen Parteifunktionären getroffen und ihnen die Anordnung des Kominform übergeben, daß Togliatti sich sofort zurückzuziehen habe.

Erst nach dieser Veröffentlichung, nämlich am 30. Oktober, beeilte sich die KPI, eine Verlautbarung herauszugeben, wonach „die behandelnden Ärzte in den letzten Tagen dem Genossen Togliatti Krankenhauspflege und absolute Ruhe verordnet“ hätten. Und als dieses Kommuniqué, das mit einem scharfen Dementi gegen den Bericht des Momento einherging, die Aufregung in den Parteikreisen nicht beschwichtigte, erschien ein zweites, das von einer schwierigen Operation an Togliatti sprach, die durch ein Blutgerinsel im Gehirn notwendig geworden sei. Durch diese Aufeinanderfolge sind die Zweifel der Öffentlichkeit erst recht gewachsen. Und man fragt sich jetzt, welche Folgen das Ausscheiden Togliattis aus der italienischen Politik, sei es auch nur für einen längeren Zeitraum, haben wird. Denn Togliatti, der die italienische KP als eine Massenpartei aufgebaut hat und der in drei Regierungen Minister war, gilt mit Recht als der Mann, der die Hoffnung nicht aufgegeben hat, mit den Mitteln des Parlamentarismus legal an die Macht zu kommen, und der daher bis jetzt einen echten revolutionären Kurs verhindert hat, den andere Parteiführer, wie Luigi Longo, Pietro Secchia und Walter Audisio, der Mörder Mussolinis und der Petacci, vorziehen. Dies ist der Grund, daß periodisch, zuletzt im Juli 1950, immer wieder Gerüchte auftauchen, Togliatti sei in Moskau in Ungnade gefallen. Inzwischen haben Longo, Secchia und Mauro Scoccimaro die Parteiführung bereits übernommen, wobei die administrative Leitung des Generalsekretariats einem der rüdesten italienischen Bolschewiken, Antonio Cicalini, Schüler der Moskauer Militärschule und bisher Chef der militanten Parteigruppen, übertragen wurde. Das könne in der Tat ein Schritt zum revolutionären Kurs sein, der sich nicht mehr auf die abbröckelnde Millionenzahl von wählenden Parteimitgliedern, sondern auf die festen Kader von revolutionären Aktivisten stützt.

Es ist sehr auffällig, daß eine ähnliche Situation in der französischen KP entstanden ist. Dort ist, ebenfalls wegen einer Gehirnblutung, zu deren Feststellung sogar ein russischer Arzt nach Paris bemüht wurde, der Parteiführer Maurice Thorez seit dem 12. Oktober aus der Politik ausgeschieden. Auch er war ein Mann der Massenpartei und nicht der revolutionären Aktion. Zwar berichten die Pariser kommunistischen Zeitungen, es sei. mit seiner Abwesenheit nur für einige Wochen zu rechnen, doch zweifeln auch hier die eingeweihten Kreise, daß er je wieder die Führung der KPF übernehmen werde. Sein Nachfolger ist vorläufig der radikale Chef der kommunistischen Parlamentsfraktion, Duclos, geworden.

H. A.