Von W. Henkels

Sie sind nicht mehr, wenn man es in einem Bild ausdrücken will, als Farbtupfen im Bonner parlamentarischen Getriebe. Sie sind eine Art Folie zu dem vielen Mannsvolk, das in Bonn die deutsche Volksvertretung darstellt. So kommt es, das ihr Einfluß im Bundestag, das heißt auf die Politik, im umgekehrten Verhältnis zur Zahl der deutschen Frauen überhaupt steht. Dem Bundestag gehören 372 Männer und nur 30 Frauen an. Zur Fraktion der SPD zählen dreizehn, zur CDU/CSU elf, zur FDP und zum Zentrum je zwei, und zur DP und KP je eine Frau. Auf den Kommandoposten in der Exekutive, also der Regierung, steht, wenn man von je einer zweitrangigen Stelle im Bundesinnenministerium und in der „Dienststelle für auswärtige Angelegenheiten“ absieht, keine einzige Frau. Das wird nicht nur von den Parlamentarierinnen in Bonn bedauert.

Kaum eine ist unter den weiblichen Abgeordneten, die nicht schon einen Silberfaden ins Haar gewirkt hätte. Dem Alter nach sind fünfzehn weibliche Abgeordnete Kinder dieses, fünfzehn Kinder des vergangenen Jahrhunderts. Die Seniorin ist Dr. h. c. Helene Weber (CDU, Jahrgang 1881), die Jüngste (Jahrgang 1913) die Kommunistin Frau Grete Thiele. Main hat nicht den Eindruck, als ob dieses 30-Frauen-Kollektiv im Bundestag eine große politische Strahlung ausübe. Keine von ihnen sitzt am Schalthebel der Politik, wenn man vielleicht von Louise Schroeder (SPD) und, wie sie freundlich und scherzhaft genannt wird, der Zentrums-„Kommandeuse“ Helene Wessel absieht, die zwar großen politischen Kredit und moralisches Ansehen genießen und die Aureole „große Frauen“ tragen, aber der Gestaltwandel der Frauenbewegung liegt doch offen zutage. Doch soll man den Einfluß der Frauen in Bonn auch nicht unterschätzen. Während viele der männlichen Abgeordneten noch kein einziges Mal den Mut und die Gelegenheit fanden, das Wort zu ergreifen, sind die Frauen aktiv.

Eine einzige Abgeordnete könnte man noch mit dem Suffragettentyp aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg vergleichen, jenem maskulinen Typus, „der die Hosen anhat“. Unbehagen mit einer Mischung von unterdrückter Heiterkeit überkommt die Männerwelt, wenn sie sie couragiert zum Rednerpodium des Bundestages schreiten sieht, von wo sofort einige rhetorische Salven ins Plenum geschossen werden. Die Abgeordnete steht dann oben – mit kühnem Haarschnitt und mächtiger Hornbrille – wie ein Kommunard, über dem der Stern „Frauenemanzipation“ steht. Unwillkürlich überfällt die Männer der Gedanke: mit ihr möchte man nicht verheiratet sein. Aber so zu denken ist abwegig. Diese Abgeordnete – Margot Kalinke – hat jedenfalls Vernünftiges zu sagen. Sie wird im Pathos und in der Schlagfertigkeit nur noch von der jungen Kommunistin Thiele erreicht, und sie hat von den Frauen die meisten Reden im Bundestag gehalten.

Fast alle übrigen Frauen stehen mehr oder weniger verlegen-verloren auf dem Rednerpodium, verhaspeln sich auch schon mal, weil sie zu sehr an ihrem Rede-Manuskript hängen. Lampenfieber und Mikrophonfieber sind zwei Dinge, die man fast bei allen weiblichen Abgeordneten registrieren muß, da ihnen die Tradition, im öffentlichen Leben zu, wirken, noch fehlt. Nur die Seniorin, Frau Weber, völlig frei sprechend, steht mit einiger Abgeklärtheit auf den Brettern, die das Podium bedeuten.

Die Frauen im Bundestag sind ein paar Nuancen friedlicher und gütiger als ihre männlichen Kollegen, aber sie vermögen nicht, das zähe Gefüge dies Parlamentarismus in Bewegung zu bringen. Das überlassen sie den Männern, unter deren Führung sie sich, man möchte sagen blindlings gestellt haben. Viele Mütter sind unter den Parlamentarierinnen. Ihr Naturell verrät meist Schlichtheit, Nüchternheit und Pflichtstrenge. Einige lassen sich durch einen Figaro kunstreiche Wasser- oder Dauerwellen hinzaubern, aber nur bei einer einzigen bemerkten wir bisher ein kosmetisches „make up“. Etwas Kleinbürgerlichkeit sieht man und der Typ der „züchtigen“ Hausfrauen ist zahlreich vertreten. Einige haben auch sicher schon in den Salons der guten, alten Zeit geweilt, als der Großvater die Großmutter nahm, statt, wie Tucholsky sagen würde, sie stehenzulassen. Einige, es soll durchaus als Positivum gewertet werden, haben Urlaub vom häuslichen Herd.

Die Verehrungswürdigste ist zweifellos die Berliner Bürgermeisterin Louise Schroeder, aber wenn wir noch die Ärztinnen Dr. Viktoria Steinbiß (CDU) und Dr. Elinor Hubert (SPD), die Rechtsanwältin Dr. Herta Ilk (FDP), Frau Irma Keilhak (SPD), die Gattin des Marburger Theologieprofessors, Anne Marie Heiler (CDU) und Anne Braucksiepe (CDU) nennen, die mit der ersten Delegation des Bundestags die Vereinigten Staaten bereiste, dann ist schon bald der Kreis jener gezogen, die uns in Bonn auffielen. Anmut war nie die Stärke politisierender Frauen. Und sagt man, die Frauen seien das Salz der Erde, so muß man hinzufügen, das Salz des Bundestages – mit Verlaub! – sind sie nicht. Vielleicht, weil sie alle ein Parteibuch haben! Der törichte und gelegentlich mitleidige Spruch jedoch, „daß Frauen nichts von Politik verstehen“, ist von den Parlamentarierinnen in Bonn schon bei manchen Anlässen widerlegt worden.