In der Mittagsstunde des 30. Oktober schossen einige Männer mit Pistolen auf die Wachposten vor dem Palast des US-Gouverneurs Luis Muñoz Marin in der Hauptstadt San Juan auf Puerto Rico. Ein Polizist wurde erschossen und ein anderer schwer verwundet. Von den Angreifern geriet nur einer verwundet in die Hände der Polizei – alle anderen wurden getötet. –

Genau 48 Stunden später fallen Schüsse vor dem Blair-Haus, dem Wohnsitz Trumans in der Pensylvania Avenue in Washington. Der Überfall in San Juan war der Anfang eines nationalistischen Aufruhrs, die Schüsse in Washington waren das Nachspiel, aufgeführt von zwei enttäuschten in New York lebenden Nationalisten aus Puerto Rico. Ihre Partei spielte in der großen Puerto Rico-Kolonie New Yorks eine bedeutende Rolle. Sie tat sich mit einer kommunistisch orientierten Richtung zusammen und erlangte dadurch eine Mehrheit, die dem Repräsentantenhaus nach den Wahlen des Jahres 1948 den einzigen Vertreter der linksradikalen amerikanischen Arbeiterpartei – Vito Marcantonio – einbrachte.

Im letzten Sommer brachte die Regierung eine Vorlage ein, die zwar wesentliche Vergünstigungen für Puerto Rico enthielt, aber nicht die völlige Unabhängigkeit. Die Vorlage, die durch die Unterschrift Präsident Trumans am 3. Juli Gesetzeskraft erhalten hatte, bestimmt, daß Puerto Rico eine eigene Verfassung haben soll, sofern sich die Wahlberechtigten des Territoriums in einer Volksabstimmung hierzu bereit erklären. Das Gesetz wurde von der volksdemokratischen Partei des Gouverneurs Munos Marin, die bei den letzten Wahlen in Puerto Rico 62 v. H. aller Stimmen erhalten hatte, begrüßt, von den einzelnen Oppositionsgruppen dagegen abgelehnt: Die Staatspartei wünscht eine Eingliederung Puerto Ricos als 49. Staat in die USA. Die Unabhängigkeitspartei dagegen will eine Unabhängigkeit der Insel nach dem Muster der Philippinen; sie distanziert sich jedoch von den radikalen Nationalisten, weil sie weder deren terroristischen Methoden noch ihre Zusammenarbeit mit kommunistischen Elementen befürwortet.

Um nun den Volksentscheid durchzuführen, sollten sich die Wahlberechtigten am 4. November auf Geheiß des Gouverneurs in die Wahlregister eintragen. Gerade diesen Tag hatten die extremen Nationalisten für den Ausbruch einer Revolte bestimmt. Als aber am 29. Oktober 112 politische und kriminelle Gefangene aus dem Staatsgefängnis von San Juan entwichen, wurde dies der Anlaß zu einem vorzeitigen Losschlagen. Am 30. Oktober kam es in den zehn größeren Städten der Insel zu blutigen Unruhen, die aber bereits am nächsten Tage durch Polizei und Nationalgarde niedergeschlagen wurden.

Als die beiden nationalistischen Fanatiker vor dem Blair-Haus in Washington auf die Präsidentenwache schossen, wußten sie bereits, daß der Aufstand in Puerto Rico zusammengebrochen war. Ihre in grenzenloser Enttäuschung wurzelnde Verzweiflungstat dürfte sich weniger auf die politische Entwicklung in Puerto Rico als vielmehr bei den Kongreß-Wahlen am 7. November auswirken. Ernst Krüger