Es ist gewiß ein schweres Unterfangen, heute eine Geschichte der Deutschen zu schreiben. Unternimmt dies dazu jemand, der, aus altem süddeutschem Dynastengeschlecht stammend, in der Weimarer Zeit Führer des republikanischen Studentenbundes war, der bei der Machtergreifung Hitlers Deutschland verließ und nach Amerika ging, dort als Gastprofessor des Carnegie Endowment für Geschichte und Staatsrecht an über 30 Colleges und Universitäten lehrte, als solcher schon vor Ende des Krieges für Deutschland eintrat, bereits im Jahre 1946 zurückkehrte, ein kurzes Gastspiel auf der politischen Bühne der Bundesrepublik gab und sich dann zurückzog, um in Ruhe wissenschaftlich zu arbeiten, dann – darf man in der Tat auf das Ergebnis gespannt sein.

Dieses Buch ist jetzt in Deutschland erschienen (Hubertus Prinz zu Löwenstein: Deutsche Geschichte, Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt am Main, 642 S., 18,50 DM). Die erste Fassung wurde in den Vereinigten Staaten geschrieben – nicht ohne Heimweh und mit viel geistigem Mut angesichts einer feindlich gesonnenen Umgebung. Die deutsche Ausgabe, die jetzt vorliegt, ist zugleich eine Neuformung. Was an Überschwenglichem in der amerikanischen Fassung vorhanden war, ist ausgemerzt. Geblieben ist der ernsthafte Versuch, einem Land, das Tradition und Sinn für Historie zu verlieren droht, wieder ein zusammenhängendes Bild seiner Vergangenheit zu geben.

Mit Bedacht ist der Untertitel des Buches gewählt: „Der Weg des Reiches in zwei Jahrtausenden.“ Die Kontinuität der Reichsidee macht Prinz Löwenstein zum Mittelpunkt seiner historischen Betrachtung, hierin Ricarda Huch nicht unähnlich. Anders jedoch als die Dichterin, die ihre Darstellung mit dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Jahre 1806 enden läßt, sucht Löwenstein dem fortbestehen der alten Idee auch im 19. und 20. Jahrhundert bis zum Ende der Weimarer Republik nachzugehen. Da kommt es denn hin und wieder zu einer etwas willkürlichen Akzentverschiebung, so, wenn der Verfasser die Erinnerung an das alte Reich in einer Rede wiederfindet, die Bismarck vor dem Norddeutschen Reichstag am 24. Februar 1870 gehalten hat: „Ich kann behaupten, das Haupt des Norddeutschen Bundes hat in Süddeutschland eine Stellung, wie sie seit dem Kaiser Rotbart ein deutscher Kaiser nicht gehabt hat.“

Den vielbeklagten Zwiespalt in der deutschen Politik begreift der Verfasser unter den Kategorien der Ghibellinen und Guelfen, der Reichstreuen, die das Wort Abendland auf ihr Panier geschrieben haben, und jener Eigensinnigen, die eine Sehnsucht dahin führte, sich aus dem Reiche zu lösen und eine gesonderte Politik zu treiben, die teils kleinlich egoistisch war, unter Umständen aber so großartig sein konnte wie die Kolonisation des Ostens. So sehr scheinen den Verfasser diese beiden Begriffe auch heute noch. daß er Ricarda Huch ohne weiteres „die große Ghibellinin“ nennt. Das Kaisertum, in dem die Reichsidee ihren sichtbarsten Ausdruck fand, ist ihm ein Symbol des Rechtes, und in der Bewahrung eben dieses Rechtes sieht er den Sinn der deutschen Geschichte. Daher ist es nur folgerichtig, daß seine Geschichtsschreibung praktisch mit dem Jahre 1933 endet.

Auf diese Weise erhält die Darstellung einen durchgehenden Schwung, dem man wohl einen poetischen Charakter zubilligen darf. Dabei zeigt sich überall ein echtes wissenschaftliches Bemühen, ein Streben nach historischer Genauigkeit, und zugleich ist alles mit einer Fülle von Einzelheiten ausgestattet, die das geschichtliche Gemälde lebendig halten. Die Urteile des Verfassers sind oft geistvoll formuliert, so wenn es heißt, der Anschluß Österreichs sei ein Übergang vom italienischen Faschismus zum deutschen Nationalsozialismus gewesen, mitunter sind sie auch schneidend^scharf und einer Korrektur wohl bedürftig, so wenn Brüning geradezu als eine Art Vorläufer Hitlers dargestellt wird. Das Buch ist mit viel nationalem Empfinden geschrieben, ohne daß irgendeinmal nationalistische Regungen die Oberhand gewännen. So wird es vielen, die heute gern wieder eine Darstellung der deutschen Geschichte lesen möchten, Anregung zu eigenem Urteil geben. Richard Tüngel