III. Der zweite Militärputsch und der Kriegseintritt – Damjan Weltscheff – der Mann, der dreimal die Macht in Bulgarien gewann

Von B. N. Gavrilovic

General Damjan Weltscheff, der 1944 die Kommunisten in Bulgarien durch einen Staatsstreich an die Macht brachte und dann als Kriegsminister an ihrer Regierung mitwirkte, schildert in der dritten Fortsetzung seines Tatsachenberichtes die Zeit, in der sich die Katastrophe Bulgariens bereits ankündigte: die letzten Jahre vor dem Krieg und den Krieg. Er selbst wurde in dieser Zeit vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt, jedoch später begnadigt. In diesen Jahren bereitete er seinen letzten Schlag gegen die verhaßte Dynastie vor, der ihn selbst zu einem Teilhaber der kommunistischen Macht werden ließ. Sein Schicksal ist deshalb beispielhaft, weil es zeigt, daß jede Zusammenarbeit mit den Kommunisten – legal oder illegal, in gemeinsamem Staatsstreich oder in der Koalition – lebensgefährlich ist. Nicht immer gelingt die Flucht, wie sie Weltscheff unter den besonderen Umständen, die ibn mit der bulgarischen Armee verbänden, in die Schweiz geglückt ist.

Im Jahre 1931 erneuerte eine Gruppe meiner Freunde ihre politische Aktivität. Sie trat abermals gegen die alten Parteien auf, diesmal aber mit einem fortschrittlichen sozialen Programm. Diese Gruppe wurde ausschließlich von Intellektuellen gebildet und war ohne Rückhalt in den breiten Massen. Sie nannte sich Sveno (das heißt Reifen oder Kettenring). Während sie schon bestand, regierte Boris ganz nach Gutdünken. Die politische Korruption erreichte einen Höhepunkt. Das Volk war unzufrieden, aber ohnmächtig. Wieder konnte die Rettung nur von der Armee kommen, davon war ich überzeugt. Auch damals war ich an der Spitze der Militärorganisation. Wir hatten Erfahrung vom letztenmal. So wurde ein neuer Staatsstreich beschlossen, der gründlicher sein sollte als der erste.

Am 19. Mai 1934 wurde der Staatsstreich durchgeführt, und zwar zur selben frühen Morgenstunde und genau in der gleichen Weise wie der erste Putsch im Jahre 1923. Diesmal ernannte die Militärorganisation selbst die neue Regierung. Ministerpräsident wurde der Oberst Kimon Georgijeff, der mein Kamerad aus der Armee und aus der Organisation Sveno war. (Derselbe Georgijeff wurde 1944 der erste Ministerpräsident der Koalition mit den Kommunisten und gehört heute noch auf einem nebensächlichen Posten der kommunistischen Regierung in Sofia an.)

"Und warum sind Sie auch diesmal wieder außerhalb der Regierung geblieben?" fragte ich.

"Ich konnte nicht anders. Um meiner Sache sicher zu sein, hätte ich Ministerpräsident oder Kriegsminister werden müssen. Das war jedoch unmöglich, denn niemals hätte ich mit dem König zusammenarbeiten können. Es kam deshalb beinahe zu einer Revolte in unserer Organisation, die forderte, daß alle Macht in meiner Hand vereinigt werde. Ich blieb aber fest, und schließlich stimmten meine Kameraden zu, wenn auch ohne Begeisterung. Als Georgijeff die Regierung bildete, wußte das Volk sogleich, daß der Staatsstreich von der Armee ausgegangen war, die Armee aber wunderte sich, mich nicht auf der Ministerliste zu finden. Ein paar Tage später erklärte der Finanzminister vor der Presse, daß die Regierung von Georgijeff und Weltscheff geführt werde. All das war für mich nicht angenehm. Es störte mich sehr, daß die Leute sich auf der Straße versammelten und aus den Kaffeehäusern herauskamen, um mich zu sehen. Es war ferner keine glückliche Wahl, daß General Slateff, Inspekteur der Kavallerie, Kriegsminister geworden war. Slateff war ein Mensch von labiler Moral, mit dessen Freundschaft man niemals rechnen konnte. Ich blieb also draußen, aber dennoch fiel alle Verantwortung auf mich. Nur in einer Hinsicht konnte ich diesmal zufrieden sein: bei diesem Staatsstreich war kein Blut geflossen.

Als die neue Regierung sich dem König vorstellte, wünschte er mich zu sehen. Ich ging hin in der Meinung, er wolle über die Lage und dasProgramm der neuen Regierung sprechen, aber er lenkte die Unterhaltung auf ein anderes Gebiet. Diesem Mann, der die Vorstellung nicht ertragen konnte, politisch ausgeschaltet zu sein, ging es in erster Linie um unsere persönlichen Beziehungen. Er hoffte, so am leichtesten den Widerstand des Gegners zu brechen. Politische Fragen wurden in unserem Gespräch kaum berührt. Gleich bei der Begrüßung sagte er zu mir:

‚Ich hoffe, daß es zwischen uns weder Differenzen noch Gründe gibt, die unsere Beziehungen erschweren können.‘

‚Majestät‘, antwortete ich, "unsere persönlichen Beziehungen spielen keine Rolle. Sie sind der Herrscher, ich bin ein gewöhnlicher Bürger. Sie sind der oberste Befehlshaber der Armee, ich bin ein kleiner Offizier. Aber wichtig ist die Lage im Staat. Wir haben einen Staatsstreich gemacht und wollen das Leben und die sozialen Verhältnisse auf allen wichtigen Gebieten erneuern. Ich hege keine Illusionen und weiß, daß die Hindernisse mächtig sind und daß wir alle Kräfte einsetzen müssen. Aber ich hoffe, daß uns alle guten Bulgaren bei diesem Werk für Volk und Staat helfen werden. Vor allem hoffe ich, daß Sie uns dabei Ihre Unterstützung geben werden!’

Boris gab darauf keine Antwort. Später erfuhr ich, daß er sich sehr ungnädig über meine Bitte geäußert hatte, er solle die Regierung unterstützen. Das war mein letztes Gespräch mit König Boris.

1934 schien es, als sollte eine Wendung in den Beziehungen mit Jugoslawien eintreten. Damals fand die Zusammenkunft des jugoslawischen Königs Alexander mit König Boris auf dem Sch warzenMeer statt, wenig später die Besuche Boris’ in Belgrad und Alexanders in Sofia. Diese Annäherung rief Wogen der Begeisterung im Volk hervor. Nach dem Besuch Alexanders hörte ich, daß Boris seinen Vetter (die Gattin des Königs Boris ist eine Tochter des letzten italienischen Königs Victor Emanuel und somit eine Kusine Alexanders) bei dieser Gelegenheit um einen Rat gebeten hatte, und zwar mit folgenden Worten: ‚Du hast dich deines Dimitrijewitsch-Apis entledigt, jetzt sag mir, wie ich meinen Weltscheff loswerde!‘ ...

Es kam zum Sturz der Regierung Georgijeff. Die Ereignisse veränderten die Lage in Bulgarien sehr rasch. 1935 kam unter dem Ministerpräsidenten Toscheff wieder eine Regierung ans Ruder, die dem König in allem blind gehorchte. Eine ihrer ersten Handlungen war die Verabschiedung eines Gesetzes, dessen wichtigster Paragraph lautete: Personen, die einen Staatsstreich mit Hilfe der Armee vorbereiten, werden mit Zuchthaus bis zu drei Jahren bestraft. Sowie das Gesetz in der Presse veröffentlicht war, erhielt es vom Volk den Namen ‚Lex Damjanica‘ (nach dem Vornamen Damjan Weltscheffs).

Flucht nach Belgrad und Verhaftung

Meine Freunde und ich hielten es nun für das beste, das Land zu verlassen. Im Juli 1935 überschritt ich die jugoslawische Grenze, ging nach Belgrad und blieb dort bis zum September, Die bulgarische Regierung befahl den Grenzbehörden, mir die Rückkehr nach Bulgarien zu verwehren. Dennoch war die Militärorganisation der Auffassung, ich sollte so schnellwie möglich nach Sofia zurückkehren und die Armee sollte noch einmal ihre Pflicht tun. Ich glaubte zwar nicht an einen Erfolg, denn ich fürchtete, daß die Sache nicht hinreichend vorbereitet sei und daß mich die Polizei an der Grenze zurückschicken werde. Aber da meine Freunde insistierten, teilte ich ihnen durch einen Kurier mit, daß ich kommen würde; sie sollten sich nicht von mir im Stich gelassen fühlen. Ich überschritt die Grenze und geriet sofort in eine Falle. Eine ganze Treibjagd war gegen mich organisiert worden. Unter den Offizieren, die an der Verschwörung mitwirkten, waren auch diesmal wieder welche, die eine Doppelrolle spielten: jedenfalls nahm mich nach dem Grenzübertritt ein Oberstleutnant in Empfang, der selbst unserer Organisation angehörte. Auch der Kommandant von Sofia, General Slatanoff, war an die Grenze gekommen. Unter Bewachung von 50 Polizisten brachte man mich nach Sofia ins Gefängnis. Die Regierung verkündete den Belagerungszustand und ließ aus Flugzeugen Flugblätter mit den Unterschriften aller Kabinettsmitglieder abwerfen, auf denen stand: ‚Der Staat ist in Gefahr! Damjan Weltscheff ist nach Bulgarien gekommen, um gemeinsam mit Dodsche Usunoff das Königspaar, die Regierung und die Generalität umzubringen. Die Arme; soll wissen, daß Damjan Weltscheff ein Bandit ist!‘ (Usunoff war ein gefährlicher Räuber, der aus dem Gefängnis entsprungen war und seinen Ankläger ermordet hatte.)

Urteil: Tod am Galgen

Das Gerichtsverfahren rief Empörung und Ekel hervor. Als Zeuge trat auch der Innenminister Atanassoff auf. Das Urteil war kurz und bündig: Tod am Galgen. Der Kassationshof bestätigte es. Der Staatsanwalt selbst hatte Berufung eingelegt. Das kostete ihn seine Stellung. Dennoch hat seine Reaktion, zusammen mit der Mißstimmung im Volk, auf die Verantwortlichen Eindruck gemacht, sogar auf Boris. Gegen das Urteil erfolgten zahlreiche Interventionen, sowohl aus Bulgarien wie aus verschiedenen europäischen Hauptstädten. Die eindrucksvollste und mir persönlich teuerste war eine Bittschrift, die aus Belgrad an Boris geschickt wurde und die Unterschriften aller Belgrader und jugoslawischen Vereine trug. Tatsächlich stand also die ganze Bevölkerung dahinter. In dieser Bittschrift wurde Boris aufgefordert, mir als ‚überzeugtem Anhänger der Freundschaft mit Jugoslawien‘ das Leben zu retten. Der ehemalige bulgarische Gesandte in Belgrad, Kasasoff, erzählte mir später, daß ihn damals ein mir befreundeter Belgrader besucht und gebeten hatte, folgende Mitteilung an König Boris zu schicken: ‚Wenn der Kopf Weltscheffs fällt, dann will ich mein ganzes Vermögen opfern, um dafür zu sorgen, daß der von Boris nicht lange auf seinen Schultern bleibt!‘

Zum Schluß wollte Boris diese Hinrichtung nicht auf sich nehmen, und auch die Regierung hegte Besorgnisse. So wurde meine Todesstrafe in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt, und ich begann, meine Strafe im Sofiaer Zentralgefängnis zu verbüßen.

Fünf Jahre saß ich dort. Als 1939 der Krieg ausbrach, schien es, als ob Boris bereute. Einem meiner Freunde sagte er, er habe den Wunsch, mich zu befreien, aber er wolle nicht wie bei Banditen üblich vorgehen, sondern er beabsichtige, meine Entlassung auf einen Festtag zu verschieben. Dieser Festtag war der Anschluß der Süddobrudscha – die nach dem Balkankrieg 1913 den Rumänen zugesprochen worden war – an Bulgarien. Dieser Anschluß erfolgte unter dem Druck Hitlers. Schon als ich 1934 den Staatsstreich machte, war mir klar, daß Boris den Weg seines Vaters fortsetzen werde. Bereits einige Jahre vor dem Krieg war Boris entschlossen, mit Hitler zu gehen. Bulgarische Offiziere waren zur Spezialausbildung nach Deutschland geschickt worden, und die gesamte Bewaffnung war deutsch. Das waren Anzeichen der künftigen außenpolitischen Orientierung, deren Gegner ich immer gewesen bin. ‚Ich bin entschlossen, Weltsehett zu befreien‘, sagte Boris zu meinem Freund, ‚ich schätze ihn sehr hoch und möchte meine persönlichen Beziehungen mit ihm wiederaufnehmen. Ich wünsche, daß er seine Kräfte dem Volk zur Verfügung stellt, denn das ist notwendig...‘

Aus dem Gefängnis entlassen

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis sagte ich zu meinem Freund:. ‚Sag dem König, daß neue und schwere Meinungsverschiedenheiten bestehen und daß ich mich gegen ihn wenden muß, weil er das Land mit Hitler zusammenbringt. Boris wird von den Nationalsozialisten kontrolliert. Warne ihn, daß diese Politik fatal ist, daß er Thron und Leben riskiert und daß er in die Geschichte als ein Verbrecher eingehen wird. Räte ihm, die Orientierung zu ändern. Ich weiß, daß das nicht leicht ist, aber etwas muß geschehen..."

Vielleicht wollte Boris das sogar, aber es war zu spät. Als die deutschen Truppen in Bulgarien einrückten, konnte man fühlen, wie sich die Katastrophe näherte, Ich war überzeugt davon, daß die Achse ein übles Ende nehmen werde, besonders als Amerika in den Krieg eintrat.

Eines Tages ging ich mit meiner Frau spazieren. Am Alexander-Nevski-Platz stoppte ein Auto neben uns, an dessen Steuer Boris in Zivilkleidung saß. Er sah mich an, und auch ich sah ihn an. Verlegen zog er schnell seine Mütze, und auch ich habe ihn damals gegrüßt. Später habe ich ihn nie mehr gesehen. Er ließ mich von jetzt ab in Ruhe, aber ich durfte mich nicht mehr frei bewegen. Als Aufenthaltsort wurde mir ein Dorf ungefähr 150 Kilometer von Sofia entfernt angewiesen."

"Wissen Sie etwas über die Details seines Todes?" fragte ich.

"Genaues weiß ich nicht. Es ist aber sehr wahrscheinlich, daß er auf Anordnung Hitlers ermordet worden ist. Es gibt dafür Gründe, und es gibt auch gewisse Andeutungen. Zum Beispiel befindet sich eine Bemerkung in den Goebbelsschen Erinnerungen, die andernfalls gänzlich unsinnig erschiene. Er schreibt dort, daß Hitler mit diesem Mord die Schwester der Gattin von Boris, die italienische Prinzessin Malfalda, belastet habe. Die frühere bulgarische Königin Giovanna erklärte dem Pariser ‚Figaro‘ folgendes: Der Pilot, der das Flugzeug flog, in dem König Boris von Berchtesgaden nach Sofia zurückkehrte, habe die Anweisung erhalten, mit der Maschine schnell zu steigen und zu fallen. Er habe sich auf eine Höhe von 10 000 Meter erhoben und dieses Manöver mehrfach wiederholt. Die Sauerstoffmasken für die Passagiere seien schadhaft gewesen. Auf die Frage des Journalisten, ob der König kränklich gewesen sei, antwortete die Königin: ‚Niemals!‘ König Boris starb einige Tage nach seiner Ankunft in Sofia am 28. August 1943.

In dem Prozeß, den die kommunistische Regierung (deren Kriegsminister Weltscheff war) gegen die Regenten veranstaltete, wurde auch diese Frage erörtert. Unter den Regenten befand sich der Bruder von Boris, Kyril, dem die Sache hätte bekannt sein können, da er nach dem Tod von Boris faktisch Herrscher war. Nach der Aussage Kyrils habe Hitler Boris töten lassen, weil er sich der Kriegserklärung an die Sowjetunion widersetzte. Auch Kyril erklärte, daß die Sauerstoffmaske nicht funktioniert habe. Ich halte dafür, daß das richtig ist. Boris hatte den Glauben an die deutsche Sache endgültig verloren, als er sah, daß sein Schwiegervater, der italienische König, Badoglio an die Macht brachte. Der Sturz Mussolinis und der Abfall Italiens von Hitler mußten einen tiefen Eindruck auf Boris machen. Möglicherweise hat er sich nicht offen Hitler widersetzt, aber er hatte das Vertrauen verspielt, das Hitler bis dahin in ihn gesetzt hatte."

(Eine andere Version, die behauptet, Boris sei im Auftrage Mussolinis ermordet worden, ist gänzlich unsinnig, weil Mussolini einige Wochen vor Boris‘ Tod, nämlich am 25. Juli 1943, bereits von Badoglio verhaftet worden war. In dem Buch, das der während des Krieges in Südosteuropa tätig gewesene deutsche SD-Agent Walter Hagen unter dem Titel "Die geheime Front" im Wiener Nibelungen-Verlag kürzlich veröffentlicht hat, wird die Schuld Hitlers am Tode von Boris entschieden bestritten. Hagen, von dem allerdings unklar ist, ob er alle Tatsachen gekannt hat, und noch mehr, ob er alle ihm bekannten Tatsachen erwähnt, schreibt: "Kurz vor seiner tödlichen Erkrankung hatte König Boris einen Besuch im Führerhauptquartier abgestattet. Bei seiner Rückkehr befand er sich im vollen Besitz der Gesundheit; einige Tage vor dem ersten Anfall hatte er noch den höchsten Berg Bulgariens, den Mussala, bestiegen. Am 23. August wurde der Zar plötzlich von der Krankheit niedergeworfen. Aber erst am 26. August gab man ein Bulletin aus, und die Darstellungen von der Natur der Krankheit waren höchst widerspruchsvoll: einmal wurde von einer Erkrankung der Lunge, dann des Gehirns, schließlich des Herzens gesprochen. Es war daher kein Wunder, daß schon frühzeitig Gerüchte auftauchten, der Zar sei keines natürlichen Todes gestorben ... Ganz unhaltbar ist die phantastische Erklärung, der König sei beim Rückflug nach Sofia auf raffinierte Weise vergiftet worden: man habe ihm eine Sauerstoffmaske angelegt, habe ihn aber ein Giftgas einatmen lassen. Nun ist es allerdings richtig, daß das Flugzeug damals über den Transsylvanischen Alpen aus atmosphärischen Gründen auf so große Höhe hatte steigen müssen, daß die Insassen von den Sauerstoffgeräten Gebrauch machen mußten. Aber es ist kein Gas bekannt, das seine Giftwirkungen erst Tage nach dem Einatmen entwickeln würde. Dagegen hat die Meinung, die aus der Umgebung des Zaren geäußert wurde, mehr Wahrscheinlichkeit: Der Zar habe, das Gerät schlecht bedient, wodurch ein Blutgefäß der Lunge geplatzt sei, ohne daß dies von ihm beachtet worden wäre ... Professor Dr. Ferdinand Sauerbruch aus Berlin und Professor Dr. Otto Eppinger aus Wien wurden an das Krankenbett des Zaren gerufen ... Eine offizielle Verlautbarung erfolgte niemals. Der einzige Überlebende, Professor Dr. Sauerbruch – Professor Eppinger hat 1946 aus Angst, in einen Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß hineingezogen zu werden, Selbstmord begangen –, hat sich auch nachträglich noch nicht vor, der Öffentlichkeit geäußert. Der Leibarzt Hitlers, Dr. Brand [in Nürnberg hingerichtet], hatte die Leiche des Zaren auf Befehl Hitlers untersucht und ein geheimes Memorandum für Hitler angefertigt, worin er behauptete, ein ganz besonderes Gift festgestellt zu haben, das den Tod durch Ausschaltung der Herztätigkeit herbeigeführt hätte. Von Professor Sauerbruchs Konstatierungen hieß es, auch er habe ein unbekanntes Gift, vermutlich asiatischer Herkunft, im Körper des Toten entdeckt, das die Herztätigkeit langsam zum Erliegen bringt...")

Bulgarien im Chaos

Zwei Jahre vorher war Bulgarien dem Drei-Mächte-Pakt beigetreten und von deutschen Truppen besetzt worden. Als der Krieg gegen Jugoslawien begann (6. April 1941), schlug die deutsche Wehrmacht auch von Bulgarien aus zu, und gemeinsam mit ihr marschierte die bulgarische Armee ein, die ein Besatzungsgebiet erhielt (hauptsächlich Teile von Mazedonien und von Südserbien). Bulgarien verzichtete darauf, eine Kriegserklärung an Jugoslawien zu richten. Besonders interessant blieb das Verhältnis Bulgariens zur Sowjetunion. Während schließlich mit England und Amerika ein "Kriegszustand" herbeigeführt wurde, saß die ganze Kriegszeit hindurch in Sofia ein sowjetischer Gesandter, da die normalen diplomatischen Beziehungen mit Moskau aufrechterhalten wurden. Die sowjetische Gesandtschaft war die bolschewistische Zentrale für die Revolutionierung des Balkans.

Nach dem Abfall Italiens und besonders nach dem Tode von Boris befand sich Bulgarien in einer gänzlich ungeklärten und schwierigen Lage. Eine ungeheure Unsicherheit herrschte in allen führenden Kreisen. Diese Unsicherheit führte zu dem Versuch. Beziehungen mit den Westallüerten

aufzunehmen. Eine Sonderdelegation wurde nach Kairo geschickt, um Kontakt mit den Vertretern Englands und Amerikas aufzunehmen, doch blieb diese Mission ohne jeden Erfolg. Inzwischen war die Rote Armee in vollem Vormarsch auf den Balkan. Schließlich befand sie sich in Rumänien. In Bukarest hatte die kommunistische Unterwelt die Straße erobert. Demonstrationen, Plünderungen, Schießereien waren an der Tagesordnung. Schon standen die Sowjettruppen an der Pforte Bulgariens, bereit zum Einmarsch in das Land und zur Eroberung Sofias.

In diesem Augenblick, am 6. September 1944, gab die Regierung Bagrijanoff, die nur wenige Wochen amtiert hatte, eine kurze Mitteilung über den Rundfunk, daß sie demissioniert habe. Sie hatte versucht, die Position der Neutralität zu gewinnen, doch ohne Erfolg. Nun übernahm der Agrarier Murawjeff die Regierung, ein persönlicher Freund und Mitarbeiter von Alexander Stamboliski, der 1923 im Zuge des Weltscheff-Putsches ermordet worden war. Die Machtübernahme dieser Regierung bedeutete einen gewaltigen Schritt nach links, und offenbar glaubten die Initiatoren, daß dadurch das Land vor der Okkupation durch die Sowjetarmee zu retten war. In dieser Absicht beschloß die Regierung Murawjeff in ihrer ersten Kabinettssitzung, Deutschland den Krieg zu erklären. Diesen Beschluß verriet der Kriegsminister Murawjeffs, General Marinoff, der sowjetischen Gesandtschaft, die die Nachricht augenblicklich nach Moskau weitergab. Die Folge war, daß die Sowjetregierung nunmehr ohne Zögern Bulgarien den Krieg erklärte, um einen formellen Vorwand zu erlangen, Bulgarien durch Sowjettruppen zu besetzen.

In Sofia herrschte ungeheure Bestürzung, während sich gleichzeitig auf der Straße die Kommunisten mit ihren Parolen und Flugblättern zu zeigen begannen. Georgi Dimitroff (Anstifter des Attentats in der Kathedrale Sveta Nedelja. später bulgarischer Hauptagent der Komintern, 1933 im Reichstagsbrandprozeß vom Reichsgericht in Leipzig freigesprochen und nach Rußland ausgewiesen, hierauf Generalsekretär der Komintern bis zu deren Auflösung im zweiten Weltkrieg, später bulgarischer Ministerpräsident) befand sich zu diesem Zeitpunkt im Stabe des Marschalls Tolbuchin, der die sowjetische Balkanarmee führte. Dieser Stab Tolbuchins lenkte, gemeinsam mit Dimitroff, bereits in Wirklichkeit die Vorgänge in Bulgarien. In der führenden Schicht begann die Panik, als die Nachricht eintraf, daß zwei Sowjetdivisionen Warna (bulgarischer Schwarzmeerhafen) erreicht hätten. Die kommunistischen Agenten in Sofia waren in voller Tätigkeit. Unter ihnen tat sich besonders eine Frau hervor, Tsola Dragoitschewa, "die bulgarische Pauker", die ihren eigenen Mann an den Galgen gebracht hatte, als er sich an der kommunistischen Generallinie versündigte. Die Instruktionen Dimitroffs gingen dahin, sofort eine "Koalition" zu erreichten, die eine neue Regierung zu bilden habe, sobald der Sturz Murawjeffs erzwungen sei.

Jetzt trat abermals der Oberst Weltscheff auf die Bühne, um seinen letzten Putsch zu machen. Wird er der letzte bleiben...?