Meine Freunde und ich hielten es nun für das beste, das Land zu verlassen. Im Juli 1935 überschritt ich die jugoslawische Grenze, ging nach Belgrad und blieb dort bis zum September, Die bulgarische Regierung befahl den Grenzbehörden, mir die Rückkehr nach Bulgarien zu verwehren. Dennoch war die Militärorganisation der Auffassung, ich sollte so schnellwie möglich nach Sofia zurückkehren und die Armee sollte noch einmal ihre Pflicht tun. Ich glaubte zwar nicht an einen Erfolg, denn ich fürchtete, daß die Sache nicht hinreichend vorbereitet sei und daß mich die Polizei an der Grenze zurückschicken werde. Aber da meine Freunde insistierten, teilte ich ihnen durch einen Kurier mit, daß ich kommen würde; sie sollten sich nicht von mir im Stich gelassen fühlen. Ich überschritt die Grenze und geriet sofort in eine Falle. Eine ganze Treibjagd war gegen mich organisiert worden. Unter den Offizieren, die an der Verschwörung mitwirkten, waren auch diesmal wieder welche, die eine Doppelrolle spielten: jedenfalls nahm mich nach dem Grenzübertritt ein Oberstleutnant in Empfang, der selbst unserer Organisation angehörte. Auch der Kommandant von Sofia, General Slatanoff, war an die Grenze gekommen. Unter Bewachung von 50 Polizisten brachte man mich nach Sofia ins Gefängnis. Die Regierung verkündete den Belagerungszustand und ließ aus Flugzeugen Flugblätter mit den Unterschriften aller Kabinettsmitglieder abwerfen, auf denen stand: ‚Der Staat ist in Gefahr! Damjan Weltscheff ist nach Bulgarien gekommen, um gemeinsam mit Dodsche Usunoff das Königspaar, die Regierung und die Generalität umzubringen. Die Arme; soll wissen, daß Damjan Weltscheff ein Bandit ist!‘ (Usunoff war ein gefährlicher Räuber, der aus dem Gefängnis entsprungen war und seinen Ankläger ermordet hatte.)

Urteil: Tod am Galgen

Das Gerichtsverfahren rief Empörung und Ekel hervor. Als Zeuge trat auch der Innenminister Atanassoff auf. Das Urteil war kurz und bündig: Tod am Galgen. Der Kassationshof bestätigte es. Der Staatsanwalt selbst hatte Berufung eingelegt. Das kostete ihn seine Stellung. Dennoch hat seine Reaktion, zusammen mit der Mißstimmung im Volk, auf die Verantwortlichen Eindruck gemacht, sogar auf Boris. Gegen das Urteil erfolgten zahlreiche Interventionen, sowohl aus Bulgarien wie aus verschiedenen europäischen Hauptstädten. Die eindrucksvollste und mir persönlich teuerste war eine Bittschrift, die aus Belgrad an Boris geschickt wurde und die Unterschriften aller Belgrader und jugoslawischen Vereine trug. Tatsächlich stand also die ganze Bevölkerung dahinter. In dieser Bittschrift wurde Boris aufgefordert, mir als ‚überzeugtem Anhänger der Freundschaft mit Jugoslawien‘ das Leben zu retten. Der ehemalige bulgarische Gesandte in Belgrad, Kasasoff, erzählte mir später, daß ihn damals ein mir befreundeter Belgrader besucht und gebeten hatte, folgende Mitteilung an König Boris zu schicken: ‚Wenn der Kopf Weltscheffs fällt, dann will ich mein ganzes Vermögen opfern, um dafür zu sorgen, daß der von Boris nicht lange auf seinen Schultern bleibt!‘

Zum Schluß wollte Boris diese Hinrichtung nicht auf sich nehmen, und auch die Regierung hegte Besorgnisse. So wurde meine Todesstrafe in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt, und ich begann, meine Strafe im Sofiaer Zentralgefängnis zu verbüßen.

Fünf Jahre saß ich dort. Als 1939 der Krieg ausbrach, schien es, als ob Boris bereute. Einem meiner Freunde sagte er, er habe den Wunsch, mich zu befreien, aber er wolle nicht wie bei Banditen üblich vorgehen, sondern er beabsichtige, meine Entlassung auf einen Festtag zu verschieben. Dieser Festtag war der Anschluß der Süddobrudscha – die nach dem Balkankrieg 1913 den Rumänen zugesprochen worden war – an Bulgarien. Dieser Anschluß erfolgte unter dem Druck Hitlers. Schon als ich 1934 den Staatsstreich machte, war mir klar, daß Boris den Weg seines Vaters fortsetzen werde. Bereits einige Jahre vor dem Krieg war Boris entschlossen, mit Hitler zu gehen. Bulgarische Offiziere waren zur Spezialausbildung nach Deutschland geschickt worden, und die gesamte Bewaffnung war deutsch. Das waren Anzeichen der künftigen außenpolitischen Orientierung, deren Gegner ich immer gewesen bin. ‚Ich bin entschlossen, Weltsehett zu befreien‘, sagte Boris zu meinem Freund, ‚ich schätze ihn sehr hoch und möchte meine persönlichen Beziehungen mit ihm wiederaufnehmen. Ich wünsche, daß er seine Kräfte dem Volk zur Verfügung stellt, denn das ist notwendig...‘

Aus dem Gefängnis entlassen

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis sagte ich zu meinem Freund:. ‚Sag dem König, daß neue und schwere Meinungsverschiedenheiten bestehen und daß ich mich gegen ihn wenden muß, weil er das Land mit Hitler zusammenbringt. Boris wird von den Nationalsozialisten kontrolliert. Warne ihn, daß diese Politik fatal ist, daß er Thron und Leben riskiert und daß er in die Geschichte als ein Verbrecher eingehen wird. Räte ihm, die Orientierung zu ändern. Ich weiß, daß das nicht leicht ist, aber etwas muß geschehen..."