Vielleicht wollte Boris das sogar, aber es war zu spät. Als die deutschen Truppen in Bulgarien einrückten, konnte man fühlen, wie sich die Katastrophe näherte, Ich war überzeugt davon, daß die Achse ein übles Ende nehmen werde, besonders als Amerika in den Krieg eintrat.

Eines Tages ging ich mit meiner Frau spazieren. Am Alexander-Nevski-Platz stoppte ein Auto neben uns, an dessen Steuer Boris in Zivilkleidung saß. Er sah mich an, und auch ich sah ihn an. Verlegen zog er schnell seine Mütze, und auch ich habe ihn damals gegrüßt. Später habe ich ihn nie mehr gesehen. Er ließ mich von jetzt ab in Ruhe, aber ich durfte mich nicht mehr frei bewegen. Als Aufenthaltsort wurde mir ein Dorf ungefähr 150 Kilometer von Sofia entfernt angewiesen."

"Wissen Sie etwas über die Details seines Todes?" fragte ich.

"Genaues weiß ich nicht. Es ist aber sehr wahrscheinlich, daß er auf Anordnung Hitlers ermordet worden ist. Es gibt dafür Gründe, und es gibt auch gewisse Andeutungen. Zum Beispiel befindet sich eine Bemerkung in den Goebbelsschen Erinnerungen, die andernfalls gänzlich unsinnig erschiene. Er schreibt dort, daß Hitler mit diesem Mord die Schwester der Gattin von Boris, die italienische Prinzessin Malfalda, belastet habe. Die frühere bulgarische Königin Giovanna erklärte dem Pariser ‚Figaro‘ folgendes: Der Pilot, der das Flugzeug flog, in dem König Boris von Berchtesgaden nach Sofia zurückkehrte, habe die Anweisung erhalten, mit der Maschine schnell zu steigen und zu fallen. Er habe sich auf eine Höhe von 10 000 Meter erhoben und dieses Manöver mehrfach wiederholt. Die Sauerstoffmasken für die Passagiere seien schadhaft gewesen. Auf die Frage des Journalisten, ob der König kränklich gewesen sei, antwortete die Königin: ‚Niemals!‘ König Boris starb einige Tage nach seiner Ankunft in Sofia am 28. August 1943.

In dem Prozeß, den die kommunistische Regierung (deren Kriegsminister Weltscheff war) gegen die Regenten veranstaltete, wurde auch diese Frage erörtert. Unter den Regenten befand sich der Bruder von Boris, Kyril, dem die Sache hätte bekannt sein können, da er nach dem Tod von Boris faktisch Herrscher war. Nach der Aussage Kyrils habe Hitler Boris töten lassen, weil er sich der Kriegserklärung an die Sowjetunion widersetzte. Auch Kyril erklärte, daß die Sauerstoffmaske nicht funktioniert habe. Ich halte dafür, daß das richtig ist. Boris hatte den Glauben an die deutsche Sache endgültig verloren, als er sah, daß sein Schwiegervater, der italienische König, Badoglio an die Macht brachte. Der Sturz Mussolinis und der Abfall Italiens von Hitler mußten einen tiefen Eindruck auf Boris machen. Möglicherweise hat er sich nicht offen Hitler widersetzt, aber er hatte das Vertrauen verspielt, das Hitler bis dahin in ihn gesetzt hatte."

(Eine andere Version, die behauptet, Boris sei im Auftrage Mussolinis ermordet worden, ist gänzlich unsinnig, weil Mussolini einige Wochen vor Boris‘ Tod, nämlich am 25. Juli 1943, bereits von Badoglio verhaftet worden war. In dem Buch, das der während des Krieges in Südosteuropa tätig gewesene deutsche SD-Agent Walter Hagen unter dem Titel "Die geheime Front" im Wiener Nibelungen-Verlag kürzlich veröffentlicht hat, wird die Schuld Hitlers am Tode von Boris entschieden bestritten. Hagen, von dem allerdings unklar ist, ob er alle Tatsachen gekannt hat, und noch mehr, ob er alle ihm bekannten Tatsachen erwähnt, schreibt: "Kurz vor seiner tödlichen Erkrankung hatte König Boris einen Besuch im Führerhauptquartier abgestattet. Bei seiner Rückkehr befand er sich im vollen Besitz der Gesundheit; einige Tage vor dem ersten Anfall hatte er noch den höchsten Berg Bulgariens, den Mussala, bestiegen. Am 23. August wurde der Zar plötzlich von der Krankheit niedergeworfen. Aber erst am 26. August gab man ein Bulletin aus, und die Darstellungen von der Natur der Krankheit waren höchst widerspruchsvoll: einmal wurde von einer Erkrankung der Lunge, dann des Gehirns, schließlich des Herzens gesprochen. Es war daher kein Wunder, daß schon frühzeitig Gerüchte auftauchten, der Zar sei keines natürlichen Todes gestorben ... Ganz unhaltbar ist die phantastische Erklärung, der König sei beim Rückflug nach Sofia auf raffinierte Weise vergiftet worden: man habe ihm eine Sauerstoffmaske angelegt, habe ihn aber ein Giftgas einatmen lassen. Nun ist es allerdings richtig, daß das Flugzeug damals über den Transsylvanischen Alpen aus atmosphärischen Gründen auf so große Höhe hatte steigen müssen, daß die Insassen von den Sauerstoffgeräten Gebrauch machen mußten. Aber es ist kein Gas bekannt, das seine Giftwirkungen erst Tage nach dem Einatmen entwickeln würde. Dagegen hat die Meinung, die aus der Umgebung des Zaren geäußert wurde, mehr Wahrscheinlichkeit: Der Zar habe, das Gerät schlecht bedient, wodurch ein Blutgefäß der Lunge geplatzt sei, ohne daß dies von ihm beachtet worden wäre ... Professor Dr. Ferdinand Sauerbruch aus Berlin und Professor Dr. Otto Eppinger aus Wien wurden an das Krankenbett des Zaren gerufen ... Eine offizielle Verlautbarung erfolgte niemals. Der einzige Überlebende, Professor Dr. Sauerbruch – Professor Eppinger hat 1946 aus Angst, in einen Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß hineingezogen zu werden, Selbstmord begangen –, hat sich auch nachträglich noch nicht vor, der Öffentlichkeit geäußert. Der Leibarzt Hitlers, Dr. Brand [in Nürnberg hingerichtet], hatte die Leiche des Zaren auf Befehl Hitlers untersucht und ein geheimes Memorandum für Hitler angefertigt, worin er behauptete, ein ganz besonderes Gift festgestellt zu haben, das den Tod durch Ausschaltung der Herztätigkeit herbeigeführt hätte. Von Professor Sauerbruchs Konstatierungen hieß es, auch er habe ein unbekanntes Gift, vermutlich asiatischer Herkunft, im Körper des Toten entdeckt, das die Herztätigkeit langsam zum Erliegen bringt...")

Bulgarien im Chaos