Zwei Jahre vorher war Bulgarien dem Drei-Mächte-Pakt beigetreten und von deutschen Truppen besetzt worden. Als der Krieg gegen Jugoslawien begann (6. April 1941), schlug die deutsche Wehrmacht auch von Bulgarien aus zu, und gemeinsam mit ihr marschierte die bulgarische Armee ein, die ein Besatzungsgebiet erhielt (hauptsächlich Teile von Mazedonien und von Südserbien). Bulgarien verzichtete darauf, eine Kriegserklärung an Jugoslawien zu richten. Besonders interessant blieb das Verhältnis Bulgariens zur Sowjetunion. Während schließlich mit England und Amerika ein "Kriegszustand" herbeigeführt wurde, saß die ganze Kriegszeit hindurch in Sofia ein sowjetischer Gesandter, da die normalen diplomatischen Beziehungen mit Moskau aufrechterhalten wurden. Die sowjetische Gesandtschaft war die bolschewistische Zentrale für die Revolutionierung des Balkans.

Nach dem Abfall Italiens und besonders nach dem Tode von Boris befand sich Bulgarien in einer gänzlich ungeklärten und schwierigen Lage. Eine ungeheure Unsicherheit herrschte in allen führenden Kreisen. Diese Unsicherheit führte zu dem Versuch. Beziehungen mit den Westallüerten

aufzunehmen. Eine Sonderdelegation wurde nach Kairo geschickt, um Kontakt mit den Vertretern Englands und Amerikas aufzunehmen, doch blieb diese Mission ohne jeden Erfolg. Inzwischen war die Rote Armee in vollem Vormarsch auf den Balkan. Schließlich befand sie sich in Rumänien. In Bukarest hatte die kommunistische Unterwelt die Straße erobert. Demonstrationen, Plünderungen, Schießereien waren an der Tagesordnung. Schon standen die Sowjettruppen an der Pforte Bulgariens, bereit zum Einmarsch in das Land und zur Eroberung Sofias.

In diesem Augenblick, am 6. September 1944, gab die Regierung Bagrijanoff, die nur wenige Wochen amtiert hatte, eine kurze Mitteilung über den Rundfunk, daß sie demissioniert habe. Sie hatte versucht, die Position der Neutralität zu gewinnen, doch ohne Erfolg. Nun übernahm der Agrarier Murawjeff die Regierung, ein persönlicher Freund und Mitarbeiter von Alexander Stamboliski, der 1923 im Zuge des Weltscheff-Putsches ermordet worden war. Die Machtübernahme dieser Regierung bedeutete einen gewaltigen Schritt nach links, und offenbar glaubten die Initiatoren, daß dadurch das Land vor der Okkupation durch die Sowjetarmee zu retten war. In dieser Absicht beschloß die Regierung Murawjeff in ihrer ersten Kabinettssitzung, Deutschland den Krieg zu erklären. Diesen Beschluß verriet der Kriegsminister Murawjeffs, General Marinoff, der sowjetischen Gesandtschaft, die die Nachricht augenblicklich nach Moskau weitergab. Die Folge war, daß die Sowjetregierung nunmehr ohne Zögern Bulgarien den Krieg erklärte, um einen formellen Vorwand zu erlangen, Bulgarien durch Sowjettruppen zu besetzen.

In Sofia herrschte ungeheure Bestürzung, während sich gleichzeitig auf der Straße die Kommunisten mit ihren Parolen und Flugblättern zu zeigen begannen. Georgi Dimitroff (Anstifter des Attentats in der Kathedrale Sveta Nedelja. später bulgarischer Hauptagent der Komintern, 1933 im Reichstagsbrandprozeß vom Reichsgericht in Leipzig freigesprochen und nach Rußland ausgewiesen, hierauf Generalsekretär der Komintern bis zu deren Auflösung im zweiten Weltkrieg, später bulgarischer Ministerpräsident) befand sich zu diesem Zeitpunkt im Stabe des Marschalls Tolbuchin, der die sowjetische Balkanarmee führte. Dieser Stab Tolbuchins lenkte, gemeinsam mit Dimitroff, bereits in Wirklichkeit die Vorgänge in Bulgarien. In der führenden Schicht begann die Panik, als die Nachricht eintraf, daß zwei Sowjetdivisionen Warna (bulgarischer Schwarzmeerhafen) erreicht hätten. Die kommunistischen Agenten in Sofia waren in voller Tätigkeit. Unter ihnen tat sich besonders eine Frau hervor, Tsola Dragoitschewa, "die bulgarische Pauker", die ihren eigenen Mann an den Galgen gebracht hatte, als er sich an der kommunistischen Generallinie versündigte. Die Instruktionen Dimitroffs gingen dahin, sofort eine "Koalition" zu erreichten, die eine neue Regierung zu bilden habe, sobald der Sturz Murawjeffs erzwungen sei.

Jetzt trat abermals der Oberst Weltscheff auf die Bühne, um seinen letzten Putsch zu machen. Wird er der letzte bleiben...?