Von Werner Junge

Von Dr. Werner Junge, der zehn Jahre langals Arzt in der freien Negerrepublik Liberia an der Westküste Afrikas tätig gewesen ist und die Missionskrankenhäuser von Bolahun und Cape Mount geleitet hat, erscheint in diesen Tagen im Engelhornverlag Adolf Spemann, Stuttgart, der Tatsachenbericht „Bolahun – Als deutscher Arzt unter schwarzen Medizinmännern“. Wir bringen daraus einen Abschnitt über die Stellung der schwarzen Frau.

Bis das Mädchen in den Porro-Busch, die gemeinsameErziehungsanstalt für alle jungen Negerinnen, eintritt, gilt sie als Kind und wird auch als solches behandelt. Verläßt sie den Porro-Busch, dann geht sie meist gleich in die Hände des Mannes über, der sie oft schon als kleines Kind von ihrem Vater gekauft hat, oder sie bleibt noch kurze Zeit im Elternhaus, bis sich ein Mann zur Zahlung der für Negerbegriffe sehr hohen Kaufsumme von zwölf Pfund verpflichtet. Ist er aber mit seiner Frau nicht zufrieden oder bleibt sie kinderlos, dann gibt er sie zurück und kann nun verlangen, daß ihm sein ganzer angezahlter Betrag schnellstens zurückerstattet wird. Für die Familie der Frau ist das natürlich ein arger Schlag und sie versucht deshalb mit allen Mitteln, das Unheil abzuwenden, indem sie auf Tochter und Schwiegersohn einwirkt, um seinen Entschluß rückgängig zu machen.

Kompliziert wird die Angelegenheit, wenn die Frau ein Kind bekommt. Die Aufzucht der Kleinkinder ist für die Eingeborenen außerordentlich mühevoll und schwer. Frische Milch gibt es nicht. Sehr früh bekommen die Kleinen ihre erste Malariainfektion mit mächtigen Milzschwellungen, Amöben- und Wurminfektion folgen, und so ist es kein Wunder, daß die Säuglingssterblichkeit unter den primitiven Urwaldbewohnern so erschreckend hoch ist, daß praktisch jedes zweite Kind im ersten Lebensjahr stirbt. Gegen diese ihnen genau bekannte schreckliche Tatsache glauben die Eingeborenen durch möglichst langes Stillen an der Mutterbrust eine Hilfe gefunden zu haben. Ganze vier Jahre wird deshalb so ein kleiner Kerl gestillt. Verzweifelt wehren die Frauen sich dagegen, davon abzugehen, auch wenn man ihnen klar macht, daß die Muttermilch zuletzt kaum noch rechten Nährwert hat.

Während dieser ganzen vier Jahre ist nun die Frau aus Sorge um ein frühzeitiges Versiegen der Milch für den Mann tabu. Niemand mutet aber dem Manne zu, solange wie ein Mönch zu leben, und deshalb wird es als ganz natürlich empfunden, daß er sich, oft mit Hilfe seiner Frau, eine Freundin sucht, die dann mit im Hause wohnt, bis der Mann sich entschließt, auch sie zu heiraten, oder bis er sie nach Ablauf der Frist wieder ihres Weges schickt. Bekommt auch sie ein Kind, wird der Mann sie fast immer heiraten, um sich das stets ersehnte Kind zu sichern. Sollte er es nicht tun, wird sie jeder andere Mann mit ihrem Kind gern zur Frau nehmen, da die Kinder in ihren Augen nicht nur Kapital sind – die Jungen als Arbeitskräfte, die Mädchen bringen Kaufgeld –, sondern auch die greifbaren Garanten des persönlichen Weiterlebens nach dem Tode darstellen.

So kommt der Neger langsam und je nach seiner Vermögenslage zur Vielehe. Da das Zahlenverhältnis der erwachsenen Männer zu den Frauen infolge der die Knaben vorzugsweise treffenden Säuglingssterblichkeit sehr ungleich ist, ist die Mehrehe auch das Naturgegebene. Nur bei Häuptlingen und anderen wohlhabenden Männern mit ihren bis zu hundert Frauen und mehr ist das natürliche Verhältnis ins Absurde verschoben. Aber die Oberfrau des Häuptlings bestimmt streng gerecht und nicht unbedingt nach den Wünschen des hohen Herrn die Reihenfolge und die Zeit, in der jede Frau für ihn kochen und bei ihm wohnen darf. Ist diese Zeit abgelaufen, dann muß diese kurzfristige Favoritin einer anderen Platz machen und die Reihe kommt oft erst nach ein bis zwei Jahren wieder an sie. Für diese Zwischenzeit tritt sie der Häuptling an einen bewährten Mann, der nicht in der Lage ist, sich eine Frau zu kaufen, oder den er in ein näheres persönliches Verhältnis zu sich bringen möchte, für eine gewisse Mietsumme ab.

Wird eine Frau zur Witwe, dann fällt sie an den Bruder oder sonstigen Rechtsnachfolger des Toten, der sie auch wieder weiterverkaufen kann. Findet ein Vater für seine Tochter keinen Käufer, was sehr selten vorkommt, dann gibt er sie einem bedeutenden Mann, zu dem er gerne in ein näheres Verwandtschaftsverhältnis kommen möchte, zum Geschenk. Ein Gegengeschenk in beliebiger Höhe ersetzt dann die Kaufsumme.