Wien, Ende Oktober

Dess bin ich nicht zufrieden“, singt Kathrin, Dienstmagd und Hauptfigur der gleichnamigen Oper Erich Wolfgang Korngolds, die 1939 in Stockholm heraus- und mit dem Korupo-Kisten über Hollywood nach ihrem Entstehungsort Wien wieder zurückkam, um nun hier ihren eigentlichen, schon für 1938 vorgesehenen Start zu nehmen. Über allem Persönlichen steht das künstlerische Postulat. Dieses zwingt festzustellen: wenn man den ohnedies nicht mehr hohen Kredit, den die Oper in unseren Zeiten genießt, völlig untergraben will, dann bitte reime und singe man weiter mit Ernst Decsey, dem hoch achtbaren, während des Krieges in Wien verstorbenen Musikschriftsteller, den es leider hin und wieder zur Bühne trieb: „Ich hab’ mich gebückt / Mein Ich unterdrückt“ oder – welcher Problemfall! – „Das sagst du mir mit frecher Stirne / Du, seine Dirne?“

Man muß sich wirklich fragen, durch wessen Dramaturgenstube dieser Singsang, in üppige Klangteppiche gehüllt, von Vibraphon und sonstigen Gefühlssurrogatoren assistiert, den Weg zur Wiener Staatsopernbühne finden konnte. Das eigentlich Bedenkliche aber ist, daß das Publikum geradezu irregeführt wird. Es wird angehalten, einen durchschnittlichen Filmreißer, den zu schildern sich die Feder sträubt, für ein „modernes, volkstümliches“ Opernbuch zu halten. „Modern“ heißt hier: es trägt sich heute (1938) zu. Und „volkstümlich“ bedeutet etwa: ein Dienstmädchen wird von seiner Herrschaft hinausgeschmissen, weil es einen Soldaten hat. Letztere gibt es allerdings kompanieweise: eine Art „Aufrüstung“, der wir auch im Land der Opernseele, wo „Ausdruck, Wohlklang, Melodie und Gefühl“ frei nach Korngold walten, unterdessen allzu oft begegnet sind. Ansonsten: der Schuß aus dem Dunkel, der Abschiedsbrief, der Lachchor, die mondäne Bar (mit Jazzrhythmen von vorgestern), das Schweizer Bauernhaus, in dem Kathrin mit dem „Bübli“ rund sechs Jahr auf ihren François wartet, bis er auch prompt zum Finale erscheint.

All das ließ-sich die Wiener Staatsoper viel kosten: W. Hoeßlins große, teure „echte“ Aufmachung, gute Sänger, einen Gast als Regisseur. Resümee: diese Konzession an den Publikumsgeschmack ist nicht mehr zu unterbieten. H. R.