Von Axel Use

Wenn man jünger ist, macht man sich viele Dinge sehr kompliziert. Auch deshalb, weil man sich mit Konventionen „anlegt“, statt aus ihnen „das Beste“ herauszuholen. Bis zu meinem 30. Lebensjahr war die Anrede „Gnädige Frau“ das rote Tuch für mich. Ich hielt Männer, die sich der Anrede bedienten, für Hochstapler, Scharlatane, Don Juans minderer Sorte, Heiratsschwindler, Scheckfälscher und Tagediebe. Von der Anrede „Gnädiges Fräulein“ ganz zu schweigen; sie hielt ich für den Höhepunkt der Selbsterniedrigung, deren ein Mann nur in den Klauen eines geradezu abgründigen Liebeswahns im Anfangsstadium fähig ist.

Das ging so eine Weile. Dann lernte ich – warum soll ich verschweigen, daß es durch weibliche Wesen geschah – einige sehr brauchbare Dinge dieses Lebens hinzu, die mir vorher zum Teil absurd erschienen waren. Und an denen doch eine gewisse geheime Köstlichkeit festzustellen war. Ohne Zweifel aber besteht ein gewisser Zusammenhang zwischen Erfahrung und Wortschatz. Die Revision gewisser Begriffe infolge der erwähnten, geheimen Köstlichkeit vordem abgelehnter Erfahrungen führte automatisch auch zu einer Revision des Wortschatzes, mit dem ich zu operieren pflegte. So begann ich auch die Anrede „Gnädige Frau“ bei passender Gelegenheit in die Gemüter der Damen zu streuen. Der Erfolg war verblüffend.

Ich entdeckte, daß es sich bei dieser Anrede um eine Zauberformel handelt. Ich weiß noch genau, wie der erste Fall war: Ich hatte, auf dem Fahrrad unterwegs, ein älteres weibliches Wesen, das ein Kapotthütchen trug und mit einem Regenschirm bewaffnet war, durch meine Schuld angefahren. Die Frau stülpte sich den heruntergerutschten Kapotthut wie eine Sturmhaube aufs Haupt, legte den Schirm wie eine Lanze ein und attackierte mich flammenden Auges, mit einer Kollektion von Schimpfworten auf den Lippen, die sicher nicht von Pappe waren. Bevor sie mich mit dem Schirm aufspießen konnte, sagte ich ganz sanft: „Verzeihen Sie, gnädige Frau!“ Der Regenschirm senkte sich, die Kollektion von Schimpfworten zerschmolz gleich weichen Sahnebonbons, die flammenden Augen bekamen etwas von Zartheit, wie sie an jungen Damen ist, wenn sie bei Entgegennahme eines ersten, ihnen dargebrachten Liebesgeständnisses die Blicke niederschlagen. Die Stimme der Dame wurde geradezu lieblich, als sie sagte: „Bitte sehr, mein Herr ...“

Seitdem hat sich meine Ansicht über die Floskel „Gnädige Frau“ grundlegend geändert. Ich halte die zwei Worte geradezu für eine magische Floskel. Sie stößt offenbar schnurstracks in den Zaubergarten der Illusionen vor, den die weibliche Seele beherbergt. Außer dem lapidaren Satz: „Ich liebe Sie“ (oder Dich!) konnte ich bei keinem anderen Wortgefüge eine solche Zauberwirkung feststellen wie bei der Anrede „Gnädige Frau“. Man könnte sagen, das sei ohne praktische Bedeutung – ein Wortgetändel in den Abendstunden, das zu nichts verpflichtet. Eben das ist das Schöne daran! Höchstens verpflichtet es die Dame, „gnädig“ zu sein. Um von der praktischen Bedeutung zu reden: Ich beispielsweise kaufe Äpfel und Weintrauben zu sehr vorteilhaften Bedingungen nur deshalb, weil ich die Besitzerin des Obstgeschäftes mal im Vestibül eines Kinos traf und ihr die Anrede „Gnädige Frau“ so beiläufig vorlegen konnte. Es war ganz unverbindlich, sozusagen probeweise. Aber es ging ihr ruiter wie eine Lieblingsspeise. Sicherlich war sie den ganzen Abend in brillanter Stimmung. Und seitdem bin ich persona grata bei ihr. Stets bedient sie mich selbst, nie überläßt sie mich dem minderen Personal. Sie wühlt mir die zehn besten Äpfel aus der Schaufensterauslage heraus und angelt mir Riesenbananen aus dem Fenster. Und alles ohne Preisaufschlag. Ich darf die Weintrauben kosten,, bevor ich sie kaufe, was als Privileg sicherlich einzigartig in unserer ganzen Stadt ist. Worauf ich sehr stolz bin.

Dies nur als Beispiel. Im Vertrauen gesagt, ich kaufe auch andere Viktualien und Gegenstände aber Art sehr günstig, weil ich eben bei passenderGelegenheit mit der Floskel „Gnädige Frau“ sehr freigiebig geworden bin. Das Angenehme daran ist, daß man bei dieser Anrede gar kein Risiko eingeht. Je „ungnädiger“ die Damen sind, um so erpichter sind sie auf die Anrede. Manchmal allerdings meine ich, daß ich mit meinerJugendaversion gegen die Floskel und mit meiner Einschätzung der Leute, die damit um sich schmeißen, doch recht hatte. Aber es sind dies nur die saiften, termingemäßen Anfechtungen, denen jeder Lebende ausgesetzt ist. Es ist schließlich ein preiswerter Spaß, der die einen freut und den anderen nicht wehe tut! Es gibt wahrlich größere Torheiten!