DIE ZEIT

Neue Aspekte bei den Eisenhüttenleuten

Der Anfang November in Düsseldorf durchgeführte Eisenhüttentag 1950 ist für die beteiligten Kreise ein großer Gewinn, für die breitere Öffentlichkeit aber doch eine gewisse Enttäuschung gewesen. Neben ausführlichen Rückblicken auf die 90jährige Geschichte des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute verblaßten Ausführungen oder Andeutungen zur Gegenwartslage. Zweifellos mag dies mit daran liegen, daß viele Sorgen des letzten Jahres nun leichter wiegen. Und doch meinen wir, daß die technische Seite der Eisenwirtschaft vor einem neuen Abschnitt stehen dürfte. In der ersten Geschlechterfolge wurde mit den großen Erfindungen des Bessemer-, Thomas- und Siemens-Martin-Verfahrens die Grundlage neuzeitlicher Massenstahlherstellung geschaffen. In der zweiten Generation folgte der systematische Ausbau großer Hüttenwerke zu gemischten Betrieben und verstärkter Mechanisierung. In der dritten Generation herrschte die wissenschaftliche Durchdringung, die Betriebsrationalisierung und die Herausbildung des Gedankens breiter Gemeinschaftsarbeit am Werkstoff Eisen vor. Namen wie Albert Vogler, Krupp von Bohlen und Halbach, Ernst Poensgen, – Walter Borbert. Fritz Springorum und Wolfgang Reuter „stehen“ dafür. Hat die vierte Generation nichts Neues?

Der Eisenhüttentag 1950 gab erste Andeutungen. Sind sie zur Stunde auch nur technischer Art, so werden sie vielleicht morgen schon von hoher ökonomischer und produktiver Wirkung für Westdeutschland sein. Was wir meinen, gruppiert sich um den jungen Begriff „Windfrischverfahren“. Er besagt, auf eine schlichte Formel gebracht, nichts anderes, als daß (beim Thomasverfahren) Sauerstoff zugeführt wird, damit aus den Thomasbirnen nicht nur mehr der (reichlich vorhandene) Thomasstahl, sondern der immer noch knappe Siemens-Martin-Stahl herausläuft. An dieser „Martinierung des Thomasstahls“ arbeiten seit langem deutsche und ausländische Stahlwerke. Im Ruhrgebiet sind verschiedene Hütten zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen, wobei auch erstaunliche Erfolge erreicht wurden. –

Abgesehen von diesem technischen Komplex ist auf dem Eisenhüttentag von dem Vorsitzenden, Prof. Dr. Schenk-Bochum, mit einer überraschend positiven Formulierung noch ein anderes Gebiet angesprochen worden: die Neuordnung. „Besonders erfreulich ist die Tatsache, daß die Montanindustrien, also Kohle und Eisen, zusammen mit den Gewerkschaft und der Bundesregierung in den Grundzügen der Neuordnung jetzt völlige Einigung erzielt haben. Die Forderung einer engen Verbundwirtschaft zwischen Kohle und Eisen wird dabei als Grundlage für die neue Organisation anerkannt.“ In diesem Zusammenhang wurde sogar von einer recht baldigen positiven Gestaltung und einer harmonischen Lösung gesprochen,

Trotz dieser Darstellung verharren die Partner der Neuordnung bei ihrer Behauptung, daß noch kein ersprießlicher Ausgleich gefunden worden sei. In Regierungskreisen fühlt man sich durch diese Formulierung überrascht. Die Gewerkschaften halten sie für zur Stunde noch undenkbar, die Treuhänder für zu weitgehend gefaßt. Die Alkonzerne verharren in Skepsis, während die alliierten Controller in der Ruhrbehörde noch nichts von der „jetzt erreichten völligen Einigung“ wissen.

Wir wollen diesen Satz zumindest als ein glückliches Bekenntnis auffassen (nicht nur weil er die Sehnsucht der arbeitenden Menschen im Rhein-Ruhr-Gebiet zum Ausdruck bringt). Wir wollen. aber auch nicht vergessen, daß seit jeher gute und ~~isenpolitschePrognosen auf den Versammlunngen der deutschen Eisenhüttenwerke ~~ und gesprochen worden sind. R.