Der Abgang des Sowjetministers für Staatskontrolle,Leo Medilis, ist eines der größeren Ereignisse der Moskauer Innenpolitik. Mechlis war nicht nur prominenter alter Bolschewik (und einer der letzten Juden an der Spitze der Sowjethierarchie), sondern er stand auf einem Posten, der eine der wichtigsten Funktionen echter Macht in sich schließt, nämlich die personelle Kontrolle der Armee und die Aufsicht über Staatsausgaben und über die Verwirklichung der Wirtschaftspläne. Medilis war seit der großen Armeesäuberung, die 1937 mit dem Tuchatschewski-Prozeß begann, Chef der politischen Abteilung der Roten Armee und seit 1946 Kontrollminister gewesen. Da sein Nachfolger, der GPU-General Merkulow, früher Minister für Staatssicherheit und somit ein enger Mitarbeiter des Staatspolizeichefs Beria war, ist anzunehmen, daß der Wechsel die Staatskontrolle in den Machtbereich Berns überführt und dessen Position beträchtlich Markt. Von Wichtigkeit ist, wie dies – positiv oder negativ – auf die Machtpositionen der übrigen Männer der ersten Garnitur, insbesondere Molotows, Malenkows, Ssuslows, zurückwirken mag, die Einfluß auf die sowjetische Außenpolitik haben. Denn die Erfahrung lehrt, daß irgendwelchen Machtverschiebungen an der Spitze in Moskau manchmal weitgehende Personalveränderungen nach unten hin, sogar bis in die Satellitenregierungen hinein, folgen, die dem Kurs der sowjetischen Außenpolitik zwar natürlich keine neue Richtung, wohl aber ganz neue Akzente geben können. Noch etwa ist die Frage, wer bei Stalin wegen des Rückzuges in Korea in Ungnade gefallen – und seit der rotchinesischen Gegenoffensive vielleicht wieder huldvoll aufgenommen ist, gänzlich ungeklärt.

Neben dieser Perspektive mag die gleichzeitige Ersetzung des bisherigen Ernährungsministers Dvinski durch M. P. Ponomarenko weniger wichtig erscheinen, obwohl dieser 48jährige neuerdings auch unter den kommenden Männern der sowjetischen Führung genannt wird.

W. F.