Auf meiner Veranda steht ein großer Blumentopf, in dem fünf kleine Bäumchen mit lichtgrünem Laub wachsen. Es sind Ginkgos.

Vom naturwissenschaftlichen Standpunkte sind sie etwa so interessant wie fünf kleine Dinosaurier in einem Terrarium sein würden. Die ausgestorbenen Dinosaurier aber und der lebende Ginkgobaum sind gleichen Alters. Wir kennen nämlich versteinerte Ginkgoblätter aus dem gesamten „Mittelalter der Erdgeschichte“ (Trias, Jura und Kreidezeit). Und wir kennen Ginkgoreste aus Grönland und Alaska, aus Bayern und Belgien, aus Turkestan und Schweden, aus der Mongolei und aus Patagonien. Mit alleiniger Ausnahme des afrikanischen Landblockes scheint es während der Dinosaurierzeit überall Ginkgobäume gegeben zu haben.

Wenn man sich die eigentümlichen, fächerförmigen, in der Mitte gespaltenen Blätter (wegen eben dieser Form nennt man den Ginkgo in Indien Elefantenohrbaum und in China Entenfußbaum) genauer ansieht, so entdeckt man, daß sie auch im Aufbau stark von den Blättern „moderner Bäume, wie etwa Ahorn oder Eiche oder Linde, verschieden sind. Bei allen diesen neueren Bäumen kann man eine Mittelrippe sehen, von denen Nebenrippen ausgehen und von diesen wieder feinere Rippen, so daß schließlich ein charakteristisches Netz von Blattrippen entsteht. Beim Ginkgo gibt es keine Hauptrippe, alle Blattrippen gehen fächerartig vom Stielansatz aus, und es gibt zwischen ihnen keine Querverbindungen. Man kann sich das etwa so vorstellen, als hätte man einen Fächer von miteinander verwachsenen Tannennadeln. Der Vergleich ist gar nicht so abwegig, denn der Ginkgo gehört zur Familie der Nadelbäume, mit denen er allerdings genau so wenig Gemeinsames hat, wie mit unseren „neueren“ Laubbäumen.

Der Ginkgo hat nun die sonderbare Eigenschaft, fast alles auszuhalten. Er ist immun gegen Baumkrankheiten. Insekten greifen ihn nicht an, selbst der in Amerika sehr gefürchtete und heftig bekämpfte japanische Blattkäfer rührt ihn nicht an. Winter und sommerliche Trockenheit schaden ihm nicht; selbst bei Waldbränden sind die Ginkgos gewöhnlich unter den Überlebenden. Kohlenrauch der Städte und der Auspuff der Motorfahrzeuge tun ihm ebenfalls nichts an.

Trotz allen diesen Eigenschaften ist es nur ein Zufall, daß der Ginkgobaum nicht ausgestorben ist, denn vor drei Jahrhunderten gab es Ginkgobäume nur in einigen kleinen Gebieten des Fernen Ostens. Der erste Weiße, der einen Ginkgobaum mit den Augen des Naturforschers betrachtete, war der deutsche Arzt und Weltreisende Dr. Engelbert Kämpfer. Im Jahre 1690 kam er als Gesandtschaftsarzt der holländischen Gesandtschaft nach Nagasaki. Er „entdeckte“ den Ginkgobaum in der Umgebung japanischer Tempel und anderer religiöser Kultstätten.

Wahrscheinlich weil Dr. Kämpfer ein Angestellter der holländischen Gesandtschaft war, wurde der Ginkgo zuerst in Holland eingeführt. Ein Baum wurde in der Nähe von Utrecht im Jahre 1730 angepflanzt. Etwa ein Jahrzehnt später kamen einige Ginkgos nach England. Ein englischer Gärtner schrieb direkt nach Japan, um Ginkgosamen zu erhalten, welche, nebenbei bemerkt, etwa wie Kirschkerne aussehen, aber viel größer sind. Als sie schließlich in London ankamen, pflanzte der Gärtner sie in einen Kübel und fünf Samen gingen auf.

Einige Jahre später kam ein Franzose mit Namen Petigny in London an. Er wollte, wenn möglich, etwas Neues für seine Gärten finden. Er handelte jenem englischen Gärtner die fünf Bäumchen ab, und angeblich stammen alle Ginkgos in Frankreich von diesen fünf ab. Jedenfalls gab es im Jahre 1812 einen sehr schönen Ginkgo in Montpellier (die berühmten Locarno-Ginkgos sollen von ihm abstammen) und später auch einen in Jena, den angeblich der „Geheime Rat“ Goethe anschaffte. Es ist zwar kein dokumentarischer Beweis dafür zu finden, aber es ist durchaus wahrscheinlich, da Goethe den Ginkgo als Symbol in den „Diwan“ aufnahm.