Eine gute Tradition der Shakespeare-Darstellung hat in diesem Jahrhundert nur die englische Bühne entwickelt. Ihr Weg verläuft von Gordon Craig, dem Begründer, bis zu Peter Brook, dem Vollender. Craig warf, um 1900, den illusionistischen Ballast über Bord und stellte das Kontinuum des elisabethanischen Dramas wieder her. Pausenlose Aufführungen, lockere Bühnenarchitektur, auf Farbenkraft und Gebärde gestellte Kostüme, Melodik des Wortes verstanden sich seitdem in England von selbst, wo immer Shakespeare gespielt wurde – im Old Vic, im Gate-Theatre, in Stratford. Hier, in der Shakespeare-Stadt, hat nun der (jetzt fünfundzwanzigjährige) Peter Brook mit inszenatorischem Genie den Stil seiner Vorgänger zur Reife gebracht. Er ist, wie Craig, Architekt, Maler und choreographischer Regisseur. Seine sprudelnde Erfindungsgabe zieht, wie das Stratforder Gastspiel (mit „Maß für Maß“) in Berlin und Hamburg zeigte, alle Nahrung aus dem Werk selbst und steht zu Shakespeare in einer vordem nicht erlebten Wahlverwandtschaft. Das Übereinander der sozialen Schichten wird in Brooks Inszenierung zu einem ebenso kühnen wie angemessenen, ebenso turbulenten wie präzisen Durcheinander. Der elisabethanischen Hinterbühne entspricht eine Komposition verschließbarer Arkaden; sie gibt im Vordergrund genug Raum frei, der die Folge kurzer Szenen so aufnimmt. daß Auftritte und Abgänge ihren „Kulissen“-Akzent verlieren. Das Kontinuum ist durch Kostüm und Sprachhöhe wunderbar gegliedert: die Edelleute venezianisch, in klaren, großen Farben und ausladendem Ernst des Tons, die Volkstypen niederländisch, wie von Brueghels dämonischem Humor eingegeben, mit Cockney-Akzent. Im Mittelpunkt nicht wie üblich Angela, der Puritaner, der sich gegen seine überspannte Moral verfehlt, sondern Vincentio, der tolerante Fürst, der auch als Mönch in weißem Faltenwurf, ein wandernder Lichtgott, die Szene beherrscht (und mit Harry Andrews, dem gespanntesten Darsteller, besetzt ist). Überwältigend der lebende Katalog der Gefängnisinsassen, den Brook aus einem Monolog des Bierzapfers hervorzaubert.

Die deutschen Theater werden viel Studium dranwenden müssen, bis sie solchen Vorsprung eingeholt haben. Bis jetzt ist nur an einem Ort etwas von diesem entschiedenen und anfänglichen Geist lebendig: in den Inszenierungen Bert Brechts und Caspar Nehers. C. E. L.