Am 13. November wurde 1850 der Erzähler Robert Louis Stevenson in Edinburg geboren. Er wurde berühmt durch die Abenteuerromane „Die Schatzinsel“, „Der Meister von Bellantrae“, „Kidnapped“ und die Erzählungen „Der Flaschenteufel“ und „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er auf der Insel Opolu (Samoa), wo er 1894 starb. Das folgende Gedenkblatt stammt aus Arnold Höllriegels Buch „Tausend und eine Insel“, das 1928 bei S. Fischer erschien und inzwischen vergriffen ist.

Drei Tage lang fuhr ich von Tonga nach Samoa auf der „Tofua“, einem kleinen, engen und wenig angenehmen Schiff, das vollgeräumt war mit Barrikaden von Ananaskisten. Drei Tage lang, Tag und Nacht, hörte ich die Kanaken im Zwischendeck ihre Lieder singen; das ganze Schiff roch nach ihrem Salböl, ihren Blumengirlanden und auch ihren Nachttöpfen. In diesen drei Tagen las ich einen zerfallenen Band aus der kläglichen kleinen Schiffsbibliothek. So, mit den Liedern Samoas und dem geklatschten Rhythmus der Tanzgesänge in meinem Ohr, habe ich zum erstenmal Robert Louis Stevensons Vailima-Briefe gelesen.

Ich las sie zum zweitenmal im Schatten des großen Mangobaumes, der im Park von Vailima steht. Ich denke, Stevenson wird diesen Mangobaum selbst gepflanzt haben; an die meisten, wenn nicht an alle Bäume dieses wundervollen tropischen Gartens hat er seine schmale und durchsichtige Hand gelegt. Selbst Goethes Weimarer Garten ist nicht so sehr des Dichters persönliches Werk wie der Garten von Vailima ein Werk Stevensons ist.

Vailima bedeutet: fünf Bäche. Die Pflanzung und das Haus, die so heißen, nach kühlen, singenden Bergbächen so heißen, liegen fünf Kilometer von der Stadt Apia entfernt auf der samoanischen Insel Opolu. Hier, schon hoch über seiner geliebten Südsee, im Schatten des grünen Berges Vaea, hat Robert Louis Stevenson sich sein luftiges, winddurchwehtes Haus gebaut, das Haus der kühlen Veranden. Oben auf der Höhe des Berges Vaea siehst du den hellen Schaum der Brandung und siehst die blaue Lagune und den Dampfer, der auf der Reede vor Apia liegt, neben dem ehrwürdigen Wrack der deutschen Korvette „Adler“. Hier hat der Dichter oft dem Zwitschern der phantastischen Vögel zugehört, diesen Gipfel des Berges Vaea hat er von seinem Hause aus sehen können, und wir wissen, daß er hierher in seinen letzten Tagen oft den Blick gewandt hat. Dieses kleine Plateau auf dem Berg hat er sich selbst zur Begräbnisstätte gewählt, zögernd zwar... „Dann könntest Du doch wirklich Vailima sehen“ – schreibt er in einem der Briefe, in denen er, vergeblich, den fernen Freund anfleht, doch zu ihm zu kommen – „ich möchte, daß Du es siehst, denn es ist schön und mein Heim und mein künftiges Grab; obwohl es mir das Herz zerreißt, daß ich nicht in Schottland gepflanzt werden soll – das kann ich nicht leugnen –, wenn ich doch nur dort in den Bergen begraben werden könnte, unter dem Heidekraut und unter einem flachen Grabstein wie die Märtyrer, dort wo die Regenpfeifer schreien...“ Aber das hat nicht sein können, und so hat man den großen Erzähler auf Vaea begraben; hier, zwischen scharlachroten Hybiscusblüten, unter gewaltigen Bäumen, steht ein großer Stein in der Form eines Katafalks. Auf der einen Seite liest mal Worte in der Sprache Samoas: „O Le Oli’ Olisago O Tusitala...“ Die Samoaner haben Robert Louis Stevenson Tusitala genannt, den Erzähler von Geschichten. Auf der anderen Frontseite stehen die berühmten Verse, die Stevenson für sein Grab gedichtet hat: „Under the wide am starry sky ...“ An diesem Grabe sitzend, im Schatten der Bäume, habe ich dann das Leben dieses großen Mannes bedacht, so wie ich es aus seinen Büchern kenne und aus diesen wunderbaren Vailima-Briefen.

Ich stehe von der Bank auf, denn ich will doch eine große rote Hybiscusblüte abbrechen und auf dieses Grab legen. Als ich es tue, läßt eine plötzliche Erkenntnis meinen Atem stocken: dieser Main da, Tusitala, hat mich hierhergebracht, in diese Südsee, von der wir alle träumen, seitdem er uns seine Südseeträume erzählt hat; diese große Sehnsucht nach Kokospalmen und Korallenriffen hat unsere Generation nur von ihm. Mir ist jetzt, als hätte ein dunkler Magnetismus, der aus diesem Grab kommt, mich hierhergezogen.

Und mir scheint, als ich, oh, mit einem ehrfürchtigen Herzen, die große rote Blüte auf diesen Stein lege, als hätte dieser dämonische Geschichtenerzähler meine ganze Generation genarrt. Ha: er uns nicht erzählt, daß die nördliche Seite der Kugel, auf der wir leben, voll von Tod ist und Altern und Krankwerden, und daß man nur auf die Südseite der Kugel gondeln muß, damit sich, auf seligen Inseln, das Leben erneuere, die Krankheit verliere, der Tod verberge?

Der Mann, der hier liegt, mit einer unvollendeten Geschichte in seinem toten Herzen, hat seinem Jahrhundert vielleicht den schönsten Glückstraum gegeben, jenen köstlichen und törichten Traum vom erreichbaren Paradies.