Von Christian E. Lewalter

Die Nachricht vom Tode Bernard Shaws kam fast genau in dem Augenblick, wo eine wichtige und von angespanntem Denken erfüllte Zusammenkunft deutscher Forscher zu Ende ging: das Symposion der Joachim-Jungius-Gesellschaft in Hamburg über „Geist und Tradition“. Der Zufall der Gleichzeitigkeit mag als Hinweis auf die unentrinnbare Zuspitzung des Problems genommen werden, das Shaw schon um die Wende des Jahrhunderts beunruhigte und das heute in so geläufigen und fast schon heimisch vertrauten Schlagworten wie „Krise der Kultur“, „Verlust der Mitte“, „Nihilismus“ seine Unbehaglichkeit mehr plakatiert als ausspricht. Die verdutzte Meinung, erst eben jetzt sei (durch Hitler, durch den Bolschewismus, durch die Technisierung, die Bürokratie, den Aufstand der Massen) etwas in Scherben gegangen, was bis dahin intakt war, und man brauche nur wieder an die verfehlte Wegegabelung zurückzukehren, um von dort an umsichtigere Schritte in ein gesegneteres Land zu lenken – diese Meinung wurde bereits im voraus durch die Stimmen jener Propheten widerlegt, die die Anzeichen der Störung schon aufzeigten, als jedermann die Welt in Ordnung fand. Shaw hat zu den Propheten gehört; er ist sechs Jahrzehnte lang nicht müde geworden, zu warnen und im Gleichnis der Komödie die Antinomien der mündig gewordenen und eben darum führungsbedürftigen abendländischen Menschheit zu beschreiben. Was bewahren? Was verwerfen? Woran anknüpfen? Wovon sich abstoßen? Solche radikale Befragung der Werte ist der Nerv seiner dramatischen Produktion gewesen, und so mag eine Freilegung dieses Nervs nicht unangemessen zugleich mit dem Herauspräparieren des Ertrages jener Zusammenkunft vorgenommen werden. Denn daß der Komödiendichter den Forschern voranging, liegt im Vorrang des Dichters begründet. Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug immer dann, wenn eine Gestalt der Welt vollendet ist. „Was aber heilet, stiften die Dichter.“

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„Augustin war Platoniker, ohne je eine Zeile von Platon gelesen zu haben. Der heutige Platonischen, der jede Zeile der Dialoge kennt und zu verstehen gelernt hat, ist kein Platoniker mehr.“ Diese scharfe Formulierung des Tübinger Philosophen Gerhard Krüger deckte mit einem schlage die Katastrophe auf, die durch das Erwachen des historischen Bewußtseins über die abendländische Welt gekommen ist. Alles und Jedes hat im Licht des historischen Fragens seine Unbefangenheit eingebüßt. Nichts ist mehr selbstverständlich. Wo der geschichtliche Sinn mit vollem Ernst am Werk ist, geht jede Tradition durch den Nullpunkt der Ungewißheit – das Fegefeuer des Nihilismus –, weil Tradition immer auch ein Element des Unüberlegten in sich tat, eine stillschweigende Übereinkunft über Werte ist.

Ausgeleuchtet vom historischen Bewußtsein, ganz und gar hell geworden, vermag das Übernommene sich nur noch durch sein bloßes Dasein zu rechtfertigen, und das ist, vor der Strenge der Vernunft, eine jämmerliche Rechtfertigung. Der Zusammenbruch der vorrevolutionären, auf alten und wegen ihres Alters guten Rechten Begründeten Staatssysteme nach 1789 ist ein besonders markantes Beispiel für diesen Vorgang gewesen, aber weder das erste noch das letzte. Ihm war vorangegangen das Erlöschen des barocken Lebensstils unter dem puritanischen Protest Winckelmanns; diesem die Zertrümmerung des scholastischen Lehrgebäudes durch Descartes’ nethodischen Zweifel an der Autorität und Galileis aufmerksames Fragen nach Zahl und Maß i der Natur; dieser die Aufspaltung der unkritisch geglaubten Einheit der abendländischen Christenheit durch den rigorosen Reinigungswillen der Reformatoren; und all diesem der anfängliche und radikalste aller Brüche mit der Tradition: die Erhebung des abendländischen Christentums über die durch ihre mythische Unvordenklichkeit geheiligten, sich aus unbefragter Pietät nährenden religiösen Welten des römischen, griechischen, jüdischen und orientalischen Horizonts.

Daß auch in dieser fundamentalen Revolution geschichtlicher Sinn sich auswirkte (im einzelnen gaben dazu die Vorträge zweier Theologen in Hamburg, des Protestanten v. Campenhausen und des Katholiken Schmaus, konkretes Material) – davon zeugt die Stiftung eines Bildes der Geschichte als eines einzigen, die gesamte Menschheit umfassenden, durch Ziele markierten und auf ein Endziel gerichteten Verlaufs. In diesem Bild wurde zunächst einmal jede vorgefundene Tradition aufgesogen, entfärbt und entwertet, und alle überlebenden Elemente (das römische Recht, der Formenkanon der antiken Wort- und Bildkunst, die Gestaltenwelt der „heidnischen“ Götter und Dämonen) konnten nur durch Einschleichen, durch schwer aufzulösende Metamorphosen überdauern und – vor allem durch die Verwandlung der spätantiken Philosophie in die Kategorienweit des Dogmas – auf verschlungenen Wegen des Geistes jene „Tradition“ stiften, die nach katholischer Überzeugung die Zeugniskraft der Bibel ergänzt.

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