Carl Zuckmayers jüngstes Drama „Gesang im Feuerofen“ ist von fünfzig deutschen Bühnen angenommen worden. Ein Beweis für Zuckmayers Attraktionskraft, für die Schwäche der übrigen deutschen Gegenwartsdramatik – doch auch für den Wagemut der deutschen Theater, die durch dieses Werk vor schwierige und heikle Inszenierungsaufgaben gestellt werden Der Dichter selbst ist sich über eine „authentische“ Bühnengestalt seines Gedichts noch nicht schlüssig. Er hat sich in die Vorbereitungen zu Heinz Hilperts Göttinger Uraufführung (3. November) nicht eingeschaltet, wirkt aber bei den Proben zu der Hamburger Inszenierung Heinrich Kochs (12. November) aktiv durch Interpretation und Textneufassung mit. Ein Vergleich der beiden ersten Versuche, den rechten Stil für das kühne, zu einem magischen Realismus strebende Stück zu finden, wird – nach der Hamburger Aufführung – Zuckmayers Bedeutung für die Zukunft des deutschen Theaters erkennen lassen. Von Hilperts Regie (die für die Hauptrollen Hilde Krahl, Christine Kayßler, Mila Kopp und Erich Ponto neben jüngeren Darstellern zur Verfügung hatte) ist zu sagen, daß sie energisch um Zerschlagung der Illusion bemüht war und mit schneidender Schärfe den kombinierenden Grundzug – die Verwandlung der Figuren von Freund und Feind – herauspräparierte, –r.

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Wer Maxwell Andersons Dialog-Reportage der Liebesgeschichte zwischen Heinrich VIII. und Anna Boleyn („Anna, Königin für tausend Tage“) im deutschen Manuskript (von Friedrich Schreyvogl) liest, tippt auf einen Reißer. Da ist alles eingesammelt, was Geschichte, Psychologie, politische Dialektik und Film zu diesem prickelnden Renaissanceroman bisher vorzubringen hatten. Dazu hat Anderson, einer der gewandtesten Theaterautoren in USA, die Vielszenigkeit des elisabethanischen Dramas mit den modernsten Theatermitteln gekoppelt.

Dem Regisseur Ulrich Erfurth standen außer der Bühnenbildnerin Herta Böhm so hervorragende Hauptdarsteller wie Marianne Hoppe für die Anna Boleyn und Gerhard Geisler für den König Heinrich (à la Charles Laughton) zur Verfügung, und auch an der Besetzung der Episodenrollen wurde nichts versäumt. Dennoch lehnten die durch den sonstigen Spielplan ihres Theaters verwöhnten Düsseldorfer Zuschauer das Stück ab und gaben mit einem lauen Achtungserfolg die Quittung für eine Papierdramatik, die ihren Gestalten keinen dichterischen Impuls einzuhauchen vermag. Johannes Jacobi