Der Fortschritt der Menschheit besteht in der Zunahme ihres problematischen Charakters, je polychromer die Ideale einer Zeit sind, je dehnbarer ihre Werte, desto vergeistigter erscheine sie uns. Der Pegel der Kultur steht am tiefsten, wenn sie am eindeutigsten ist.

Gott regiert die Welt nicht von außen, nicht mit Schwerkraft und chemischer Affinität, sondern im Herzen der Menschen: wie deine Seele ist, genau so ist das Schicksal der Welt, in der da lebst und handelst. Nichts ist draußen.

Nur der Jude Paulus konnte die Idee des Judentums in ihrem innersten Kern auflösen; nur in Luther, dem katholischen Priester, konnte der Katholizismus sich radikal verneinen; nur ein so durch und durch theologisch und moralisch orientierter Geist wie Nietzsche konnte Antichrist und Immoralist werden. Und war es nicht Graf Mirabeau, der die Französische Revolution ins Rollen brachte? Um etwas mit der tiefsten Leidenschaft bekriegen zu können, muß man aufs tiefste daran leiden können, und um daran wirklich leiden zu können, muß man es sein.

Aus: „Das Altertum war nicht antik und andere Bemerkungen“. Herausgegeben von Walther Schneider, Georg Pachner Verlag, Wien (184 S., Leinen 8,50 DM)