Einer der schönsten Ehrentitel für Berlin war einst: Stadt der Museen. In der Tat, außer im Louvre und im Britischen Museum – wo sah man sonst einen der Berliner Museumsinsel vergleichbaren Komplex, wo eine derartige Konzentration von Kunstwerken?

Die Geschichte der Bergungen und Verlagerungen – eine höchst verzweigte, verwickelte, schließlich dramatisch zugespitzte und zum Teil tragisch endende – muß noch geschrieben werden. Es wird sich dann zeigen, wie besonders schwierig gerade hier die Verhältnisse lagen, auch die der Nachkriegszeit, warum und auf welche Weise schwere Verluste eintraten. Es würde dann aber auch offenbar werden, daß im Vergleich zum Verlorenen das Gerettete weit überwiegt. Dies nicht zuletzt dank der im großen Stile unternommenen Verlagerungen in Salzbergwerken Mitteldeutschlands. Es ist bekannt, daß die Kunstwerke des einen, in Thüringen gelegenen Bergwerks schließlich nach Wiesbaden gelangten und dort im Landesmuseum einstweilen ganz gut verwahrt werden, die des anderen, im Harz gelegenen, sich jetzt im Schloß zu Celle befinden, die einen mit Hilfe der amerikanischen, die anderen mit Hilfe der englischen Besatzungsmacht dorthin verbracht.

Die Berliner Museen, ursprünglich königlich, waren seit 1918 Staatsbesitz. Aber wem gehört nun der Kunstbesitz des ehemaligen preußischen Staates? Die Länder Hessen und Niedersachsen sind zunächst vom Bund als Treuhänder eingesetzt. Sehr gut. Denn allgemein (mit Ausnahme einer von wenigen Querköpfen vertretenen Meinung) gilt die Auffassung: wenn der Kunstbesitz auch nicht der Stadt Berlin gehört, so gehört er doch nirgends woandershin als nach Berlin. Denn hier und nirgend woanders hat er, geistiges Eigentum, seine wahre Heimat gefunden. Hierher muß er, im Laufe der Zeit, zurückkehren.

Es hat Schwierigkeiten gegeben, diesem Grundsatz zur praktischen Auswirkung zu verhelfen. Zumal das Land Hessen hat außerordentlich sonderbare Ausflüchte und engherzige Einwände vorgebracht. Das ging monatelang hin und her, aber schließlich: es ist ein Anfang, es sind sogar zwei rühmenswerte Anfänge gemacht. Jetzt wurden Berlin zwei seiner Museen wiedergegeben, in sozusagen keimhafter Gestalt.

Ein alter Plan von Bode war es, einen Teil der Kunstwerke und der sie betreuenden Institute von der überfüllten Museeumsinsel in das für Forschungszwecke so aufnahmebereite Dahlem zu verpflanzen. Ein recht stattliches Museumsgebäude wurde errichtet und vor dem ersten Weltkrieg noch eben im Rohbau vollendet. Es diente seitdem als Magazingebäude des Völkerkundemuseums, war auch von Bomben ziemlich verschont geblieben und konnte bereits vor Jahresfrist als Völkerkundemuseum seine Pforten wieder öftnen, beliebt bei alt und jung. Zwei seiner Flügel sind jetzt für andere Abteilungen ausgestaltet, sachlich, gediegen und sehr würdig zur Aufnahme von Beständen der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung. Es ist eine Lust, sich darinnen zu bewegen, und man sieht es den Strömen von Besuchern, aus allen Sektoren und aus den Städten der Zone an, daß sie es tun, staunend und ergriffen, wiederum höchster Kunst von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Gewiß, es ist nur ein Anfang und nur eine Auswahl von dem, was der Verwahrungsort in Wiesbaden hergeben könnte: anderthalb hundert Gemälde aus den altdeutschen, altniederländischen und aus der italienischen Schule von Giotto bis Tizian, dazu etwa dreißig Skulpturen, die sich bestens dazuordnen ließen. Aber es sind eben Meisterwerke, jene, die zum größten Teil vor kurzem bei der triumphalen Rundreise durch die Städte Nordamerikas die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf den Glanz und das Elend der Berliner Museen gelenkt hatten.

Das ist der eine, alle Kunstfreunde bewegende Magnet im Südwesten der Stadt; der andere Pol, mehr im Norden, ist das Charlottenburger Schloß. Dem weitgedehnten Gebäude hatte der Krieg übel mitgespielt, aber in der Stille sind ganze Fluchten von Räumen wieder instand gesetzt und können nach und nach immer mehr zu Ausstellungen benutzt werden. Eben zeigt sich dort die Bauhaus-Ausstellung, die aus München in etwas veränderter Gestalt übernommen wurde, ferner eine Ausstellung Moderner Englischer Aquarelle und Zeichnungen aus britischem Staatsbesitz, die hier (in Berlin!) ihre Rundfahrt, durch Deutschland beginnt, und neuerdings nun auch eine zweite Schau der Berliner Museen, „Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts“. Eine kleine aber kostbare Auswahl des Verlagerungsgutes aus dem Schloß zu Celle. Die Kunstverwaltung des Landes Niedersachsen hat verständnisvoll und bereitwillig das Ihre dazu beigetragen, und ihr Vertreter, Dr. Müller-Hofstede, Direktor an der Braunschweiger Galerie, verlieh bei der Eröffnung dem Standpunkt seiner westdeutschen Kollegen Ausdruck: die Berliner Museen sollen wieder vorbildlich für Deutschland werden.

Die in Charlottenburg gezeigten und zunächst (wie die Kunstwerke in Dahlem) für die Dauer von sechs Monaten leihweise ihrer Heimat überkssenen Gemälde stammen samt und sonders aus der Nationalgalerie. Das Gebäude der Nationalgalerie steht auf der Museumsinsel, im Ostsektor, und war, wie alle Gebäude dort, schwer kriegsbeschädigt und in jämmerlichem Zustand. Der riesige Komplex verlangt außergewöhnliche Anstrengungen, soll er einigermaßen wieder werden, was er gewesen. Die Dächer wären das Wichtigste, aber es fehlt an Eisen und Glas. Mit Holz und Dachpappe sind notdürftig einige Gebäude gedeckt, der das Vorderasiatische Museum enthaltende Südflügel des Pergamonmuseums und auch die Nationalgalerie. Von deren drei Geschossen ist das unterste seit einiger Zeit wieder benutzbar und zeigt eine etwas bunt zusammengestellte Kunstschau, einen ziemlich unbefriedigenden Versuch, nichts Endgültiges. Wird man östlicherseits aufmerken, was sich im Berliner Westen tut und nun seinerseits Schritt halten wollen?

Man wird vielleicht so schnell nicht nachkommen, drüben. Sieht man dagegen, was hier bereits geleistet, gewahrt man das allseits dankbar Aufgenommene, vernahm man die ermutigenden, vertrauensvollen Worte von Oberbürgermeister Reuter und Volksbildungsstadtrat May bei den Eröffnungen, hört man schließlich von den Absichten, die bestehen, so weiß man, wohin der Kurs geht. Dann wird es nicht bei den Anfängen bleiben. Und darum täte das Land Hessen gut, seinen Beobachter, den es nach Dahlem entsandt, so bald wie möglich wieder abzuberufen, da dieser selbst seine Aufgabe als völlig überflüssig, als undankbar und beschämend empfinden muß. Denn die Berliner Museen sind wieder da, selbständig, eine Macht des Geistes, mit all seiner belebenden Ausstrahlung. Corv