Paris, im November

Es gibt keine häßliche Frau, es gibt nur Frauen, die sich und ihre Möglichkeit nicht kennen. Ich mache es mir zur ersten Aufgabe, das Wiesen einer Frau zu ergründen, ihre Seele zu erfassen, um ihr das eigene Bild im Spiegel zu zeigen, sie zu den Bewegungen, zu der Haltung und äußeren Erscheinung zu bringen, die ihrem Charakter angepaßt sind. Mit der Harmonie zwischen innerem Wesen und äußerem Auftreten gewinnt sie Selbstsicherheit. Es geht mir nicht darum, sie schön zu machen, es geht mir darum, ihrer Individualität Gestalt zu geben, ihrem Ich zum Ausdruck zu verhelfen, – materialiser leur vérité, valoriser l’individu“, sagt Fernand Aubry mit der unnachahmlichen Kunst der Franzosen, Schweres mit leichten und Leichtes mit schweren Worten zu sagen.

Ein Psychoanalytiker der Frau, der die Mittel zur Heilung von Unsicherheit und Unzufriedenheit in der Pflege ihrer Erscheinung sucht. Die Pflege von Haar und Haut – heute für die Wirkung der Frau wichtiger genommen als selbst das Kleid – ist nur eines seiner Mittel. Er kreiert auch den individuellen Halsschmuck, die Kopfbedeckung, den Hut für die Straße, die wuschlige Pelzhaube für den Wintersport oder den glitzernden Hauch für die große Soiree. Tausende Frauen der großen Welt (des unerfüllten Nichtstuns und der Langeweile) erhielten durch Aubry ihre seelische Gesundheit. Er geht aber auch in die Arbeiterviertel von Bellevue, um den kleinen Mädchen den Segen einer Pflege ihrer Erscheinung zu bringen. Damit will er sozial abzahlen.

Fernand Aubry, vor 41 Jahren in Luxueil-les-Bains geboren, war in sehr frühen Jahren von der Schönheit der großen Pariser Schauspielerinnen bedrängt, die diesen Badeort für kurze Wochen verzauberten. Warum soviel Schönheit nicht festhalten, sie weitertragen? In den Aubry-Jungen kochte es, der eine wurde später Erfinder neuer Flugmaschinen, der zweite Reformator im Filmwesen, in Fernand weckte die Frau den Drang nach künstlerischer Schöpfung. Mit dreizehn Jahren ging er zu einem Coiffeur nach Paris in die Lehre, mit achtzehn hatte er den Strom der reichen Pariserinnen in die immer zu engen Salons seines Lehrherrn gelenkt. Angewandte Psychologie nennt dieser große Coiffeur, der Begründer der Haute Coiffure seine Kunst, lieber noch peinture vivante, Malerei am lebenden Bild. Artur Rosenberg