Wien, im November

Seit den Tagen des „Schwachen Geschlechts und der „Feinen Gesellschaft“ hat das Wiener Theater in der Josefstadt dem nicht selten auch menschlich liebenswerten, immer aber komödiantisch geschliffenen Boulevard-Dichter Edouard Bourdet, der 1945 verstarb, Gefolgschaft geleistet. So war es fast ein Akt der Pietät, wenn die „Josefstadt“ nun auch dem letzten und erfolgreichsten Stück Bourdets, seinem „Père“, in der sauberen Übertragung von Peter Loos den deutschen Bühnenstart ermöglichte. Pietät – allerdings mehr ihre Kehrseite; denn, der „große Elie“, Ritter der Ehrenlegion und Mitglied der Académie Française, macht noch über seinen Tod hinaus seine schöne Tochter Sylvia zu einem Schemen seines Ruhms – ist es auch, die hier zur Debatte gestellt wird. Die ganze Fragwürdigkeit des Nachruhms, den Gattin, Geliebte und Tochter, je nach Charakter und geistigem Vermögen pflegen, um sich desto heiter in ihm sonnen zu können, kann mit umso bissigerer Ironie aufgedeckt werden, als der etwas langatmig geschürzte Knoten in einer großen. Gipfelszene der „Enthüllung“ (dies der treffende neue deutsche Titel) entwirrt wird, in der sich so ziemlich sämtliche menschlichen Schwachen spiegeln. Daß diese Schwächen nicht pathetisch angeklagt, sondern geistreich seziert, oder, um mit Marcel Archard zu sprechen, aufgelöst werden, indem Bourdet sie unsterblich macht, darin liegt der eigentliche Wert dieser echten Komödie.

Bourdet entwirft im übrigen auch hier mit knappen Strichen glaubhafte Bühnencharaktere, die ein Ensemble wie das der „Josefstadt“ zur vollen Entfaltung ihres flüssigen Konversationsmit geradezu herausfordern. Hans Rutz