Von leher legte das Gemeinschaftsleben der Bienenvölker mit seiner sinnvollen Arbeits- und Funktionsteilung den Vergleich mit der menschlichen Gesellschaft und ihren staatlichen Institutionen nahe. Frank S. Stuarts ‚Stadt der Bienen‘, (Münster-Verlag, Ulm, 280 S.) verzichtet auf derartige nicht immer stichhaltige Analogien und widmet sich um so eindringlicher und liebevoller der Schilderung seines ‚Biens‘ im alten Eichbaum wobei sich, wieder einmal zeigt, daß die Wirklichkeit wunderbarer und erregender sein kann als jede erfundene Handlung oder symbolische Verkleidung. Der erfahrene Imker Stuart führt mit der Einfühlungskraft des Dichters in die Geheimnisse der goldenen Stadt ein. An manchen Stellen wird die Beschreibung so dicht und suggestiv, daß sich die Größenverhältnisse verkehren. und man sich selber hineinversetzt fühlt in den winzigen fühler- und stachelbewehrten Insektenleib, die Wonnen des Honigschlürfens durchkostet, in den Wirbel des Hochzeitsfluges gerät und die duftgeschwängerte, farbenreiche Welt durch Facettenaugen zu sehen glaubt.

Gerade dies Buch zeigt, wie wenig das von Urinstinkten und Erbgedächtnis geleitete, körperseelische Einheitsgebilde des Bienenstaats mit den gebrechlichen und wandelbaren Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft zu tun hat. Wie alle Naturgebilde ist auch der Bienenstaat in sich vollkommen zweckmäßig und von immerwährender Gültigkeit. Da der Mensch seine Unschuld verloren hat, würde ein über alle Maßen grausamer Polizeistaat entstehen, wollte man die Gesetze der Bienenstadt auf ein menschliches Gemeinwesen übertragen. Keiner weiß das besser als der Kriegsdienstverweigerer und Quäker Stuart. Wenn er sich trotzdem gelegentlich dazu verführen läßt, Vergleiche zwischen Bienen und Menschen aufzustellen, so zeigt das, wie schwer es ist, die eigengesetzliche Welt der Insekten ganz ohne moralisch-menschliche Wertmaßstäbe zu schildern. Geno Hartlaub