Tausend tolle Geschichten

Der Erstlingsroman eines Vierzigjährigen

Gerd Gatter ist einer unserer bedeutendsten. Erzähler, seit heute. Dieser Satz, der eigentlich am Ende der Rezension zu stehen hätte, sei kurzerhand vorausgeschickt. Und was das „seit heute“ betrifft: wir sind’s eigentlich nicht mehr gewöhnt, daß plötzlich ein vierzigjähriger Mann einen Roman auf den Tisch legt, der den ganzen Tisch füllt, der, mit anderen Worten, moralisch, intellektuell und ästhetisch in jeder Einzelheit „richtig“ ist. „Eine Stimme hebt an“. (Carl Hanser Verlag, München, 452 S., Leinen 10,80 DM.)

Die Geschichte, die in dem Buch erzählt wird, beginnt ganz simpel: ein Heimkehrer geht nicht zu seiner Frau zurück, weil sie ihn betrogen hat. Statt dessen treibt er sich in der Gegend herum, in der er zurSchule gegangen ist. Er erlebt tausend tolle Geschichten, und zwar solche, die auf meskine und trübe Art wir alle erlebt haben. Das scheint zunächst auf den Horizont eines Kleinbürgers zugeschnitten, und die tausend tollen Geschichten machen einem trotz Gelächter, Spannung und Rührung Sorge, wie sie am Ende zusammengehören sollen. Aber siehe da, der Heimkehrer geht unerhörter- und ganz und gar nicht kleinbürgerlicherweise zu der untreuen Frau zurück; die tausend Geschichten knüpfen sich plötzlich zu einem riesigen harmonischen Teppich, und die Sprache – ja die Sprache.

Als ein Beispiel ihrer Gewagtheit und derben Darstellungskraft stehe der Bericht überdas Bucheckernsammeln in der fettlosen Nachkriegshungersnot: „Den Vogel aber wollten die Bauern abschießen, die schon dabei seien, all ihr gutgenährtes, raffarmiges, räßzüngiges, schaffiges und greiferisches Weibsvolk auf den Wagen zu laden, die Putzmühle dahinterzuhängen und alsdann mit Roß und Rad, mit Rechen und Sieh, mit Korb und Kurbel zu Holz zu rücken, nicht anders als wollten sie den ganzen Grund durch die Mühle jagen.“

Bisweilen fällt ein Satz wie ein Kiesel in klares Wasser und zieht Kreis um Kreis: „Bei alledem ist zu erinnern, daß vielleicht noch vor siebzig Jahren das Erscheinen einer Frau mit einem Kind in der Feuerlinie zwischen zwei Truppen eine Erwägung veranlaßt hätte, ob nicht das Gefecht zu unterbrechen sei.“

Beispiele für die Schönheit dieses Stiles sind schwer zu bringen. Jede wirkliche Schönheit liegt in der Genauigkeit und Wahrhaftigkeit, und sie entsteht in einem epischen Werk nur aus dem Zusammenhang, Trotzdem versuche ich eine besondere Stelle, in der so etwas wie eine im Wort beruhende Schönheit liegt, aufzuschreiben: „Dann kam sie griechisch. Das war der Peplos, und wie schlug der sich ein? Wir haben daran doch geübt Ein Spaß, ein Spiel, jetzt aber hat die Welt sich zu neigen begonnen, sehr schnell neigt sie sich und flieht unter uns durch und wir wollten noch einmal Korinna und Phryne sein und auf Naxos und Lesbos und Samothrake.“ Nein, das gibt keinen Eindruck. Man muß diese Stelle in dem Zusammenhang, in demsie steht, plötzlich wie einen Hammerschlag an sein Ohr dröhnen lassen.