Von Hans Nowak

Oft denke ich, die Zeit der blauen Augen ist vorbei. Sie haben viele Herzen und viele Federn bewegt, ein ganzes Jahrhundert hat vor ihnen auf den Knien gelegen. „Dein blaues Auge blickt so still, ich sehe bis zum Grund.“ Schöne Verse, und eine noch schönere Musik von Brahms. Es war die heure bleue unserer Literatur, der Künste überhaupt, ihre Traumstunde. Sie reichte von der Blauen Blume bis zum Blauen Reiter. Nun ist sie vorbei. Kein Schriftsteller, der auf sich hält, will davon etwas wissen.

Arme Elisabeth! Arme Helenen, Luisen und Gertruden! Sie sind die Hauptbetroffenen, denn an ihre Namen haben die Dichter und die Geschichtenerzähler das Augenblau gebunden. Weiß der Himmel warum. Es muß eine Wechselbeziehung, eine geheimnisvolle Affinität zwischen Namensklang und charaktergebenden Farben bestehen, und vielleicht kommen wir noch einmal dahinter. Schön und gut; aber wer will sagen, wie jenes Blau zur erklärten Symbolfarbe für alles Höhere werden konnte, zum Attribut der edlen Seele?

Keiner schreibt aus dem leeren Raum. Der Roman – hat seinen Nährgrund im Leben, er spricht die verschwiegenen Regungen der anonymen Hunderttausend aus. Die Blausüchtigkeit des Jahrhunderts war keine Privatpassion der Schreibenden. Jeder Mensch in Preußen wußte, daß der König (und spätere Kaiser), der alte Wilhelm, in das Blau vernarrt war. Seine Lieblingsblume war Centaurea, die Kornblume, sein Lieblingsanzug der blaue Interimsrock, und im Frühjahr fehlten auf seinem Schreibtisch zwischen den Plüschrahmen der Familienbilder nie die Veilchen. Alle Welt fand das richtig, es entsprach genau dem allgemeinen Geschmack.

Die Generation vorher Empfand noch anders. Wer nach Italien reiste, der sah in Rom nach den Ruinen und den Kirchen, wagte sich eine Wagenstunde weit in die Campagna hinaus, um einem Räuber zu begegnen, und ging anderntags ins Café Greco, um die Maler anzustaunen. Unsere Großväter, Ära Wilhelm, hatten auf solchen Reisen andere Herzensziele. Das erste lag auf Capri und hieß die Blaue Grotte: ein Felsgewölbe, man fuhr im Nachen hindurch und fand sich in einem azurenen Traum. Die höchste Erfüllung aber war Sorrent, dieses Ungeheuerste an südlicher Bläue, ein atemraubendes, ein „frevelhaftes“ Blau, wie ein Moderner, Gottfried Benn, das tyrrhenische Leuchten einmal genannt hat. Die alten Herren dachten nicht an Frevel, sie kauften Ansichtskarten, und die Couleur, die Himmel und Meer darauf zeigten, übertraf noch die Wirklichkeit. Das also waren ihre Frühlingsparadiese. Und wenn der graue Winter kam, so griffen sie nach dem Chapeauclaque und tanzten „An der schönen blauen Donau“.

Diese Freuden liegen weit zurück. Der Weltkrieg kam, der erste Nachkrieg kam, und aus den Fieberträumen der Zeit stieg das grüne Gesicht. Es war nur der Titel eines Buches, doch er hatte Genie, er half der Zeit zu dem Wort, das sie suchte. Fortan schien die Welt in Grün getaucht. Orgien in Grün, vom fahlen Dämmer der Aquarien bis zum scharfen Gefunkel der grünen Schnäpse. Grün: es tönte den Himmel, es färbte den Mond, es tränkte die Gleichnisse und Metaphern. Däubler besang „das grüne Glück von Frühlingsnachtgelagen“, und die Liebenden, in einem Gedicht von Lotz, „stürmten durch Zonen, grünend von Gerüchen“.

Doch nicht lange, so war das wilde Grün verwirtschaftet. Es konsolidierte sich und wurde familienfähig. Der Roman in einer eleganten Zeitschrift, die die Damen lasen, hieß „Der grüne Hut“. Und bald verschwand die schöne Farbe gänzlich aus den Titeln und Hirnen ... Da, eines Tages, war es plötzlich wieder da, das Grün. Es präsentierte sich historisch, wie die Leute das in jenen Jahren verlangten, aber es war so intensiv, daß es wahre Räusche entfesselte. Ein Rot war dazugestellt, Scharlachrot, und Scharlach hieß das ganze Geschöpf, Scarlett. Grüne Augen, rotes Haar. Nun weiß jeder, wovon die Rede ist, denn jeder las „Vom Winde verweht“.