Eine Rose für Emely“ heißt eine kleine Erzählung des amerikanischen Dichters William Faulkner. Es ist darin die Rede von einer Frau aus dem Orte Jefferson in den Südstaaten, deren Unheil darin besteht, nicht früh genug gestorben zu sein. Emely ist die letzte aus einem alten Südstaatengeschlecht; sie hat den amerikanischen Bürgerkrieg erlebt, den Einzug der Yankees, den Verlust des Lebensstils und der Atmosphäre des alten Südens. Emely schließt sich in ihr Haus ein und wird nur noch einmal von ihren Mitbürgern gesehen: dann nämlich, als sie sich für einen Ingenieur aus dem Norden interessiert und ihn in ihr Haus holt, aus dem er nie mehr wiederkehrt. Endlich stirbt Emely. Die Mitbürger dringen in das Haus: ein süßlicher Geruch von Moder und Verwesung schlägt ihnen entgegen. In einem Schlafzimmer finden sie im Bett die Leiche des vor Jahren verstorbenen Ingenieurs. Auf dem Kissen daneben ist noch ein frischer Kopfeindruck: Emely hat bis zu ihrem Tode neben der Leiche geschlafen.

William Faulkner ist Südstaatler, groß geworden in einem Land, das unamerikanisch ist, gemessen an der Hast der City von New York. Er ist ein Mensch, den die Vergangenheit verfolgt und quält, dem das ganze Leben Vergangenheit wird und der von ihr erzählen muß: von den untergegangenen Geschlechtern, von dem Moder und stickigen Geruch, weil Leben für ihn bedeutet: die Vergangenheit herauszuschreien in einem unheimlich gepreßt-verdichteten Stil (denn sonst würde er in der kurzen Zeit seines Lebens nicht alles berichten können: jene Taten aus Blut und Zorn, aus Neid, Rachgier, nackter Triebhaftigkeit und der verzweifelten Sehnsucht nach Liebe). – Jetzt hat er den Nobelpreis für Literatur des Jahres 1950 erhalten.

Vielleicht ist Faulkner nach dem Tode Thomas Wolfes der größte lebende Dichter Amerikas. Mit dem Dichter von „Look’homeward Angel“ hat er das tiefe Mißtrauen gegen die Gegenwart gemeinsam und das – absolute Desinteresse an der Zukunft. Aber Faulkners größter Roman „Absalom, Absalom“ ist wuchtiger als die Dichtungen Wolfes, dunkler, tiefer und grauenhafter. Gegen die Kräfte des rebellischen Blutes nahm Wolfe eine Dosis abendländischen Geistes, und er glaubte, daß der Geist schließlich siegreich sein würde. Faulkner dagegen weiß, daß der Urschicht des Menschen, aus der sein Unglück und seine Kraft kommt, mit Geist nicht bei zukommen ist. Die Erlösung der Faulknerschen Gestalten könnte höchstens der Glaube sein.

Am Ende des Romans „Absalom, Absalom“ erklärt der Student aus dem Süden, die Hauptgestalt des Buches, daß er seine Heimat haßt. Es ist der Haß eines jungen Menschen auf die qualvolle Vergangenheit, ohne die zu leben jedoch bedeuten würde, ein substanzloser, leerer Mensch – ein Yankee zu sein. P. H.