Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat vor einigen Tagen in Köln seinen zweiten Geburtstag gefeiert. Eine glänzende Rede des Bundeswirtschaftsministers über die Verpflichtungen des Unternehmers fand ebenso Beifall wie das, was Präsident Fritz Berg ausführte, Aus seinem Munde klang ernste Besorgnis über jüngst von gewerkschaftlicher Seite erfolgte Äußerungen zur Frage des Mitbestimmungsrechts. Der Zuhörerkreis von mehr als 4000 Unternehmern aus ganz Deutschland, die zu dieser Kundgebung zusammengekommen waren, nahm die konstruktiven europäischen Gedanken des Präsidenten geradezu mit begeisterter Zustimmung auf. Wir wollen daraus kurz registrieren:

Die Wirtschaft der Nationalstaaten darf als überholt gelten; an ihre Stelle hat die europäische, die abendländische Wirtschaft zu treten? die Industrie ist bereit, hierfür große Opfer zu bringen. Das bedeutet aber auch den Wegfall aller diskriminierenden Fertigungsverbote und der Eigentumsbeeinträchtigungen bei Eisen, Kohle, Chemie usw. Freiheit der Forschung und Rückgabe der beschlagnahmten Warenzeichen und Patente und des Auslandseigentums gehören ebenfalls hierher. Wir stehen positiv zu des Initialzündung des Schumanplans. Es ist nicht mehr entscheidend, wo in Europa produziert wird – entscheidend ist nur noch, daß möglichst viel, in bester Qualität und zu niedrigsten Kosten produziert wird. Die Lage mahnt zur Eile. Mit Erinnerungen wird Europa nicht verteidigt; sie hemmen nur die Entwicklung. Gleichberechtigung ist unsere Forderung. Muß die Welt den Frieden verteidigen, dann ist die deutsche Industrie mit unter den Verteidigern. – Der letzte Satz ergänzt in glücklicher Weise das, was kürzlich Böckler auf der Gewerkschafts-Kundgebung zum gleichen Thema gesagt hat, nämlich, daß es gelte, „entweder für ein Leben in Freiheit einzustehen oder ein Dasein in Sklaverei zu erdulden“ – wobei er (wie das von einer dem DGB neuerdings nahestehenden Stelle interpretiert wurde) „keinen Zweifel ließ, für welchen Weg sich die Gewerkschaften entschieden hätten“.

Der erste Jahrestag des Bundesverbandes der Deutschen Industrie hat damit zugleich erwiesen, daß eine wahrhaft übernational und „abendländisch“ fühlende, europapolitisch denkende deutsche Unternehmerschaft vorhanden ist. Dieser Eindruck muß besonders hervorgehoben werden, weil die Gefahr besteht, daß Mißtöne aus der freien Rede des Vizepräsidenten Vogel-Augsburg (und ihre sehr geteilte und kritische Aufnahme bei fast allen Hörern) einen bösen Riß in das Gefüge der deutschen Unternehmerschaft bringen könnten. Vogel, der als Präsident der Arbeitsgemeinschaft Gesamt-Textil einen hohen Ruf in Deutschlands Industrie besitzt, beschäftigte sich ausgiebig und in ungewohnter Schärfe mit den Gewerkschaften und dem Funktionärtum. Seine Rede hat die allgemein erhoffte Beendigung des Spannungszustandes zwischen den beiden großen Organisationen der „Sozialpartner“ zum mindesten zeitlich erneut hinausgeschoben. Man kann nur mit Bedauern und Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen, daß Vogel sagen zu müssen meinte: „Die Gewerkschaften haben nur Eines auf ihren Schild geschrieben: das ist das Gegenteil dessen, was wir unter Kultur des Abendlandes verstehen.“ Und das war nur eine und wohl noch nicht die schlimmste Taktlosigkeit, die in jener Rede vorkam.

Bundeswirtschaftsminister Erhard, fühlbar verstimmt über das Gehörte, ergänzte seinen Appell an die Unternehmer, Preis- und Lohndisziplin zu üben und unter Verzicht auf den guten und leichten Inlandsmarkt mehr als bisher in den Export zu gehen, durch die folgende Bemerkung: „Es sind hier viele Worte gefallen, die nicht der Befriedung dienen und gerade dies ist doch die wichtigste Aufgabe der Gegenwart.“ Das Leben, so führte er weiter aus, dürfe nicht im Besitzbürgertum erstarren. Die Unternehmer sollten ein Maximum an materieller Leistung und an sozialer Wohlfahrt schaffen („sonst möchte ich nicht Wirtschaftsminister dieses Landes sein“) und hätten die Aufgabe, fortschrittliche und soziale Kräfte wirksam werden zu lassen.

Es spricht für das gesunde Gefühl und die Lebensnähe gerade auch der jüngeren Unternehmer, daß sie sich mit den Ausführungen von Herrn Vogel nicht ohne weiteres identifizieren wollten. Sachliche Gegnerschaft braucht eben nicht zu menschlicher Verfeindung zu führen. Auch wir stehen der gewerkschaftlichen Machtpolitik in einer sachlichen Meinungsdistanz gegenüber, besonders was die Überforderungen der betrieblichen Mitbestimmung betrifft, aber wir wollen deswegen nicht vergessen, daß Unternehmer und Gewerkschaften in den letzten Jahren auch vieles Gemeinsame bearbeitet und erreicht haben. Denken wir nur an die Demontageabwehr, an den Arbeitsfrieden in den Betrieben.

Wir sind also nicht recht glücklich über jene harte Rede. Sie wird vielleicht noch nach Jahren die Atmosphäre trüben und von Scharfmachern zum Schaden einer sozialen Befriedung ausgewertet werden. Reichelt