Stuttgart, im November

Vor drei Jahren haben die württembergischen Staatstheater, gemeinsam mit Wuppertal, Albert Camus’ „Caligula“ in Deutschland gestartet. Jetzt bringen sie auch dessen, zweites Stück „Das Mißverständnis das damit allerdings erst nach den später entstandenen Dramen „Die Gerechten“ und „Belagerungszustand“ auf einer deutschen Bühne erscheint.

An der Ermordung des Mannes Jan durch Mutter und Schwester wird die These von der Sinnlosigkeit des Daseins in der vorhandenen Welt lehrstückhaft demonstriert. Jan ist nach zwanzig Jahren Abwesenheit im elterlichen Gasthof eingekehrt. Aus einer „fixen Idee“ heraus gibt er sich nicht zu erkennen und wird auch nicht wiedererkannt. Erst nach seinem Tode deckt ein alter Hausdiener „das Mißverständnis“ auf. Diese äußerste Situation ist aber unglaubhaft konstruiert, da sie alle psychologischen Voraussetzungen mißachtet. Das Geschehen wirkt in seiner Grausigkeit nicht furchtbar, sondern bisweilen ungewollt komisch. Es agieren keine Menschen, sondern Schemen. Die langen, doppelbödig gemeinten Dialoge und Monologe bekommen nur selten die beabsichtigte Hintergründigkeit.

Es geht auch nicht an, „Das Mißverständnis“ als exemplarisch für unsere Zeitlage deuten zu wollen. Mutter und Tochter, die fast mechanisch reiche Reisende umlegen und ausrauben, sind nichts anderes als gewöhnliche Verbrecher, derer sich auch in unserer verwirrten Welt noch die Gesellschaft erwehrt.

Die Stuttgarter Inszenierung durch Erich-Fritz Brücklmeier mit der eisig erstarrten Tochter (Gisela Mattishent) und der ausgebrannten Mutter (Anne Kersten) unterstrich das sadistisch Quälende des Stückes und war um möglichste Vereinfachung der in der Übersetzung von Hans Georg Brenner umständlich gedrechselten Sprache bemüht. Nur ein Teil des Publikums spendete Beifall. Hermann Dannecker