Von B. N. Gavrilovic

Es war vorauszusehen, daß unser gegenwärtige Tatsachenbericht mit den Äußerungen des Generals Damjan Weltscheff, Bulgariens „ewigem Putschisten“, Aufsehen und dies vor allem! – Widerspruch erregen würde. Viele zum Westen emigrierten Bulgaren sind zutiefst empört über die Schilderungen eines Mannes, der dreimal die Macht in Bulgarien gewann und – wie sie entgegnen – dreimal seinem Volk nur Unglück brachte. Es gehört sich, diese Kritiker zu Wort kommen zu lassen, und wir werden dies tun. Der Fall Weltscheff – und dies ist uns das Entscheidende – ist ja mehr als eine verjährte innerbulgarische Angelegenheit, viel mehr! Und indem der bisher so schweigsame Verschwörer sein Schweigen bricht, verrät er auch mehr als Sensationen: das Schicksal Bulgariens ist das Exempel auf die Probe dessen, wie die politische Strategie der Sowjets ein Land nach dem anderen, ein Volk nach dem anderen, zu unterwerfen sucht. Den Fall Bulgarien sollten daher alle europäischen Politiker studieren ... (Wir erinnern daran, daß kurze Erläuterungen der Redaktion in folgendem Text stets in Klammern stehen.)

Wie in vielen anderen europäischen Ländern erhob der Kommunismus auch in Bulgarien zum erstenmal sein Haupt nach dem Weltkrieg 1914/18. Aber seit dieser Zeit blieben die Kommunisten in Bulgarien der Zahl nach unbedeutend, und dies, obwohl das bulgarische Volk, mehr als andere slawische Völker, stets geneigt ist, Rußland Sympathie und Vertrauen zu schenken. Auf demokratischem Wege, mit Zustimmung des Volkes, hätten die Kommunisten dann auch in der schweren Krise, in der sich Bulgarien im Herbst 1944 befand, niemals an die Macht kommen können. Die Macht konnten sie nur mit Hilfe von Gewalt und Betrug erlangen, in dem Augenblick, als die westlichen Demokratien im Angesicht der deutschen Niederlage Stalin freie Hand auf dem Balkan ließen. Die bulgarische Armee war demoralisiert, das Volk verzweifelt, die Anarchie klopfte an die Tür. Einzig und allein eine zahlenmäßig unbedeutende kommunistische Minderheit, die aber energisch und geschickt geführt war, wußte, was sie wollte, und verstand es, die chaotischen Verhältnisse für sich auszunützen.

„Wie kam es zu Ihrem dritten Staatsstreich?“ fragte ich Weltscheff.

„Es gab Schwierigkeiten, aber der Putsch wurde präzis durchgeführt. Diese Auskunft bedarf einer kleinen Einleitung: Man hatte mich anfangs 1944 interniert, als die Alliierten Sofia bombardierten. Ein Teil der Stadt lag in Trümmern, eine Panik brach aus, die Regierung erschrak und internierte mich mit der Begründung, ich sei dabei, einen Staatsstreich vorzubereiten. Man verbannte mich in die Provinz, aber in Sofia blieb eine Gruppe zurück, welche die neuen Ereignisse vorbereitete. Damals schon wurde die ,Vaterländische Front‘ gegründet, in der unter anderen die Agrarier Nikola Petkoff (später von den Kommunisten in einem Schauprozeß verurteilt und hingerichtet), Kimon Georgijeff von der Gruppe Sveno, der Sozialdemokrat Tschekmedschijeff, ferner Männer, die nicht parteigebunden waren, wie Professor Ganeff, der später Regent wurde, der Professor Tscholakoff und weitere waren. Auch Kommunisten gehörten dieser Gruppe an. Es zeigte sich bald, daß meine Anwesenheit nötig war, und Ende August gelang es mir schließlich, mit einem Motorrad nach Sofia zu kommen. Die Ereignisse waren schon in einer schnellen Entwicklung, die Regierung war hilflos. Die sowjetischen Truppen hatten! bereits die Nordgrenze überschritten, und die Kommunisten betrieben eine wilde Hetze gegen diejenigen Offiziere, die ihre Gegner waren. Als Murawjeff, der dem Ministerpräsidenten Bagrijanoff in die Regierung gefolgt war, Deutschland den Krieg erklärte, wurde die Armee, die 400 000 Mann umfaßte, an die neue Front geschickt. In diesem Augenblick wurde unser Putsch durchgeführt.

Die Aktion ging ohne Schwierigkeiten „anstatten. Einige militärische Einheiten, die von Offizieren der Militär-Liga (also von Anhängern Weltscheffs) geführt wurden, besetzten die nichtigsten Staatsgebäude, vor allem das Kriegsministerium. Der Kriegsminister Marinoff erteilte Befehl, daß kein Widerstand geleistet werde. Infolgedessen gab es kein Blutvergießen. Die Verhaftung der Regenten, der Minister, der Abgeordneten und der hohen Staatsbeamten wurde sogleich durchgeführt als die Vaterländische Front die Macht übernommen hatte. Die russischen Truppen kamen erst am 20. September 1944 nach Sofia, wo sie sich als Befreier feiern ließen. Wieder verlangte man von mir, und vor allem die Kommunisten verlangten es, daß ich das Kriegsministerium übernähme. Ich tat es und sah mich jetzt vor zwei Fronten: an der einen waren die militärischen Operationen im Gange, an der anderen war der Kampf mit den Kommunisten im Lande zu führen. Anfänglich sah es so aus, als ob den Kommunisten daran gelegen wäre, daß ich an der Spitze der Armee blieb. Nur so ist zu verstehen, daß sie mir den Marschallsrang anhören unter der Bedingung des Eintritts in ihre Partei. Ich lehnte ab. Und daraus schlossen sie, daß sie und ich nicht grundsätzlich derselben Meinung seien. Damals begannen die ersten Spannungen und Differenzen...“