Von Jürgen Petersen

Man brauchte nur einen kleinen Bogen mit Angaben über die eigene Person auszufüllen und 400 DM auf das Konto eines Osnabrücker Reisebüros einzuzahlen. Damit hatte man seinen Entschluß kundgetan, im Heiligen Jahr nach Rom zu pilgern. Einige Tage vor Beginn der Fahrt kamen mit der Post, eingeschrieben, die Unterlagen: Fahrkarten Hamburg – Rom – Hamburg, ein Gutscheinheft für Mahlzeiten und Quartier in Freiburg, Lugano, Rom, Florenz und Bozen, mit Reisebegleitscheinen, die beim Grenzübertritt an Stelle des Passes auszufüllen waren.

An einem Sonnabend, kurz vor Mitternacht, standen ein paar hundert Rompilger auf dem Hamburger Hauptbahnhof und warteten auf ihren Zug. Sie sahen aus wie gewöhnliche Reisende und benahmen sich auch so. Je sechs begannen sich in jedem Abteil für die Nacht einzurichten. Auf den Gängen liefen Damen und Herren der Reiseleitung wie Schäferhunde hin und her, gaben ungenaue Auskünfte und verteilten an die Schlaftrunkenen das plakatartige Pilgerabzeichen. Sie bestanden darauf, daß man es gleich anstecke – „auch wegen des Zugpersonals zum besseren Erkennen“.

In Osnabrück kamen vier Wagen hinzu. Hinein strömten die Westfalen, meistens Bauern und Kleinstädter mit gutmütigen roten Gesichtern, runden Köpfen und hellen Augen und Haaren. Der Tag brach an, und der Lautsprecher begann seine Tätigkeit. Er stand im Gepäcknetz. Er war die Stimme der geistlichen Pilgerleitung. „Gelobt sei Jesus Christus“, begrüßte die Stimme die sechshundert Menschen in den zwölf Wagen in westfälischem Tonfall, um bald darauf die bemerkenswerten Punkte des Landes längs der Strecke zu erklären: „das nebelige Land, ursächsisch, urgermanisch, die Heimat der Droste und mancher christlicher Zeugen“. Die Stimme intonierte einen Morgenchoral. Die Pilger und Pilgerinnen wurden aufgefordert, mitzusingen. Nach zwei Strophen schien man zu empfinden, daß es nicht ging und gab das Mikrophon für den langsamen Satz aus der Pastorale frei. Es folgten „Die Himmel rühmen ...“, ein Duett aus „Aida“ und das „Largo“ von Händel.

Der Zug näherte sich dem Rhein. Die Stimme des Geistlichen begann den Rosenkranz zu beten. In Köln stieg das geistliche Oberhaupt der Diözese hinzu. Der Bischof richtete einige Worte an die Pilger. Er sprach davon, daß Tage der Entbehrung und Anstrengung bevorstehen. Während der Zug linksrheinisch nach Mainz eilte, ging er, ein stattlicher alter Mann, von Abteil zu Abteil und begrüßte jeden einzelnen.

Der nächste Tag galt der Schweiz. In aller Frühe fuhr der Zug die liebliche hügelige Landschaft am jungen, rasch fließenden Rhein entlang. Drüben, auf der französischen Seite, erhoben sich weite Hügelketten hell schimmernden Sandes aus den Weinfeldern und Wiesen: die Erde wurde für den Bau des neuen Schiffahrtskanals ausgehoben, der den Geologen am Oberrhein so viel Sorge macht, weil er den Wasserspiegel des Rheins senken und das Klima verändern wird.

Der Grenzübergang am Badischen Bahnhof in Basel ging rasch vor sich. Die geschonte, antiquiert wirkende Ordentlichkeit des Landes zog vorüber. Die Schweizer hatten einen Erklärer an das Mikrophon entsandt, der über Land und Leute zu erzählen wußte. Den Bewohnern der Tiefebene, von denen viele noch nie einen Berg gesehen hatten, wurde es bange, als sie erfuhren, welche Felsenmassen auf dem Tunnel lasten, den sie zwanzig Minuten lang durchfuhren.