Die Wahlen für den 12. Kongreß haben nicht den von Präsident Truman zugunsten der Demokratischen Partei vorausgesagten „Erdrutsch“ gebracht. Zwar erhielten die Demokraten im Senat und im Repräsentantenhaus eine Mehrheit, aber diese Mehrheit – sie beträgt im Senat zwei und im „Haus“ fünfunddreißig Sitze – ist keine arbeitsfähige Mehrheit, wie sie bei ähnlichen Verhältnissen im englischen Unterhaus für die Labour-Regierung Attlees besteht. Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, daß die demokratischen Senatoren und Abgeordneten nicht geschlossen hinter der Regierung Truman stehen. Ein Teil von ihnen gehört dem besonders in den Südstaaten starken konservativen Flügel der Demokratischen Partei an. Diese Gruppe ist in der Vergangenheit oft genug mit der republikanischen Opposition zusammengegangen und brachte dadurch wichtige Regierungsvorlagen zu Fall. Diese „Dixiekraten“ bilden in dem neuen Kongreß zusammen mit den Republikanern eine so starke Opposition, daß das tatsächliche Ergebnis der Wahlen als ein ernster Rückschlag für die Regierung Truman angesehen werden muß. Dieser Rückschlag wird noch dadurch vergrößert, daß bei dem Wahlkampf eine Reihe führender Senatoren des Truman treuen Flügels der Demokritischen Partei auf der Strecke blieb, wie zum Beispiel der bisherige Führer der demokratischen Senatsmehrheit, Scott Lucas, sein Stellvertreter Francis Myers und der Vorsitzende des Wehrmachtausschusses des Senats, Millard E. Tydings, der als Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses des Senats die Anklagen des republikanischen Senators McCarthy gegen das State Department als unbegründet zurückgewiesen hatte. Auch die von der Regierung erhoffte Niederlage prominenter republikanischer Senatoren, die sich in der Vergangenheit durch besonders scharfe Opposition hervorgetan hatten, ist nicht eingetreten. Im Gegenteil: die von den Republikanern gewonnenen fünf neuen Sitze werden zum Teil von Männern eingenommen, die wie Senator Everett M. Dirksen, der Sieger über Scott Lucas, den um Taft geschalten rechten Flügel der Republikanischen Partei verstärken. Taft selbst, von dem seine Gegner nur als „Mr. Republican“ sprechen, war seit Monaten den konzentrischen Angriffen der Demokraten ausgesetzt, die dabei von den Gewerkschaften aller Schattierungen bedingungslos unterstützt wurden. Für sie alle war der überwältigende Sieg, den Taft mit einer Mehrheit von 400 000 Stimmen über seinen demokratischen Gegner davontrug, um so enttäuschender, als offenbar viele Arbeiter ihre Stimme für Taft abgegeben haben. Für die Gewerkschaften bedeutet der Ausgang der Wahlen eine unbestreitbare Niederlage, denn mit dem von ihnen erstrebten Widerruf des Taft-Hartley-Gesetzes ist in dem neuen Kongreß ebensowenig zu rechnen wie mit einer weiteren Gesetzgebung im Rahmen des Fair Detd-Programms, das sich bei den Wählern nicht als sehr zugkräftig erwiesen hat, es wurde auch in seinen von Präsident Truman als „Kernstück“ bezeichneten Teilen, dem Brannan Plan zur Unterstützung der Landwirtschaft und dem Ewing Plan für eine umfassende obligatorische Krankenversicherung, noch nicht einmal von so linientreuen Demokraten wie Scott Lucas und Albert Loveland oder dem Vizepräsidenten Alben W. Barkley verteidigt.

Das Ergebnis der Senatswahlen ist aber nicht zuletzt eine ablehnende Kritik der Wähler an der Fernostpolitik der Regierung. Der Angriff der Republikaner auf diese Politik ist von einem großen Teil der Wähler gebilligt worden. Wenn auch Mr. Acheson erklärte, „daß er nicht die geringste Absicht habe, auf Grund der Wahlergebnisse seinen Rücktritt zu nehmen“, so wird er sich doch darüber im klaren sein müssen, daß ein Teil der demokratischen Senatoren ihn auf Grund der Wahlergebnisse als eine parteipolitische Belastung betrachten und in ihrer Haltung gegenüber zum mindesten zurückhaltend sein werden. Hinzu kommt der nun einmal nicht abzuleugnende Argwohn in weiten Kreisen des amerikanischen Volkes gegen Acheson und das State Department, der aus einem gegenseitigen Nichtverstehen herrühren mag. Präsident Truman wird diese Tatsachen auf die Dauer nicht ignorieren können, sondern sie – wie im Falle Louis A. Johnson – berücksichtigen müssen,

Es ist unwahrscheinlich, daß der 82. Kongreß eine Schwerpunktverlagerung der amerikanischen Außenpolitik von Europa nach dem Fernen Osten verlangen wird. Dagegen ist sicher, daß er neue Bewilligungen im Rahmen des Marshall-Planes und der Militärhilfe mehr als bisher von greifbaren Beweisen einer wirtschaftlichen, militärischen und politischen „Integration“ Westeuropas abhängig machen wird.

Zwar soll der 81. Kongreß, dessen Legislaturperiode erst am 3. Januar 1951 abläuft, nach dem Willen Präsident Trumans im November noch einmal zu einer Tagung einberufen werden. Truman hatte eine entsprechende Ankündigung einige Tage vor der Wahl vielleicht aus wahltaktischen Gründen gemacht. Wäre es zu dem von ihm vorausgesagten „Erdrutsch“ gekommen, hätte diese Sitzungsperiode einen sinnvollen Zweck haben können. Auf Grund der Wahlergebnisse aber werden die im Volksmund als „lahme Enten“ bezeichneten Mitglieder eines durch eine Neuwahl überholten Kongresses kaum bereit sein, sich zu nennenswerten Entscheidungen aufzuschwingen, besonders dann nicht, wenn ein so heißes Eisen wie die Hilfe für das kommunistische Jugoslawien angefaßt werden soll.

In normalen Zeiten bringt das amerikanische Volk den Kongreß wählen in einem Wahljahr ohne Präsidentenwahl nur wenig Interesse entgegen. Das beweist allein schon die Tatsache, daß die Wahlbeteiligung bei diesen „Zwischenwählen“ immer gering war. In diesem Jahre gingen dagegen von den 97 Millionen Wahlberechtigten 42 Millionen zu den Wahlurnen, und das ist für eine Kongreßwahl ohne Präsidentenwahl sehr viel. Daß diese erhöhte Wahlbeteiligung sich zugunsten der Republikaner auswirkte, hat zur Folge, daß diese eine taktisch günstige Ausgangsstellung für den Präsidentenwahlkampf im Jahre 1952 erhalten haben, denn der 82. Kongreß ist nominell ein demokratischer. Alle seine mißliebigen Maßnahmen, Fehler und Unterlassungen gehen daher der Öffentlichkeit gegenüber zu Lasten der Demokraten, die damit allen Grund haben, den Ausgang der Wahlen vom 7. November zu beklagen.