Anfang November hat die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken A. G., Wuppertal-Elberfeld, in ihrem Stammwerk Oberbruch bei Aachen die erste westdeutsche Perlonseidenfabrik in Betrieb genommen. Aus diesem Anlaß fand am 6. November in Oberbruch ein Festakt statt, bei dem die Verwaltung in ihrer traditionellen Pflege von „public relations“ einem großen Kreis von Gästen das neue Werk vorführte. Die Anwesenheit des Bundeswirtschaftsministers und des Wirtschaftsministers von Nordrhein-Westfalen, die dabei zu grundsätzlichen Fragen sprachen, unterstrich die Bedeutung des Tages. In der Tat: es war ein Meilenstein in der Geschichte der westdeutschen Chemiefaser-Industrie und ein verheißungsvoller Auftakt in der Versorgung mit synthetischen Garnen. Langjährige Entwicklungsarbeiten, die, sich auf Erfindungen und Erfahrungen der ehemaligen I. G. Farben-Industrie stützen konnten, waren in einem Versuchsbetrieb des Glanzstoff-Werkes Obernburg/Main vorausgegangen. Denn es galt, zunächst, in enger Gemeinschaftsarbeit mit Verarbeitern, Färbern, Ausrüstern, Maschinen- und Textilhilfsmittel-Fabriken den jungen Stoff als Faser und Garn zu erproben, ehe man damit an die Öffentlichkeit trat. Unter der Fabrikmarke „NEFA-Perlon“ hat das Erzeugnis seinen Weg angetreten, während andere Unternehmen unter anderen Namen (Bobina-Perlon, Bayer-Perlon) für ihre synthetischen Fasern werben. Das Entscheidende aber ist, daß die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken A. G. erstmalig in der Bundesrepublik das synthetische Erzeugnis als endlosen Faden also als Garn oder „Seide“, zu erzeugen und zu liefern begonnen hat. Generaldirektor Dr. Vits nannte dies mit Recht ein „großes Ereignis“. Daneben wird die Produktion der Flocke vor allem zu Mischzwecken für die Spinnereien nicht vergessen: im Werk Obernburg/Main wird bereits ein Neubau für die Perlonfasererzeugung errichtet.

Mit der Eröffnung der Perlenseidenfabrik in Oberbruch folgten die Vereinigten Glanzstoff-Fabriken einer über 50jährigen Tradition, auf dem Gebiete der deutschen Chemiefaser-Industrie Pionierdienste zu leisten, die im Jahre 1899 mit der Herstellung von Kunstseide (Reyon) begann. Das Tempo der Errichtung des Betriebes mutet fast amerikanisch an: im Januar 1950 beschlossen, stand der Bau mit allen Maschinen und Apparaturen Ende Oktober betriebsbereit da. Im Vergleich mit der Produktion von Zellulose-Erzeugnissen (Zellwolle und Reyon) ist es zunächst ein bescheidener Anfang, wenn man die Größenordnungen synthetischer Spinnstoffe in anderen Ländern betrachtet. Die USA erzeugen 1950 schätzungsweise rund 36 000 t Nylongarne, England immerhin 4500 t. Dagegen ist die erste Ausbaustufe für NEFA-Perlonseide auf eine Tagesproduktion von 2 t, also auf jährlich rund 700 t, eingerichtet; eine langsame Erweiterung ist vorgesehen. Die Frage der Finanzierung spielt in einer solch kapitalintensiven Industrie eine außerordentliche Rolle, besonders für deutsche Unternehmen, die einschneidende Substanz Verluste im Bombenkrieg und durch Konfiskation ostdeutscher Werke erlitten haben. Aus eigenen Mitteln konnte der neue Betrieb, der rund 20 Mill. DM verschlang, nicht errichtet werden. ERP-Mittel, viele öffentliche und zahlreiche private Kreditgeber waren an der Finanzierung beteiligt, um die sich Bundeswirtschaftsminister Prof. Erhard sehr verdient gemacht hat.

Die Verwendung von Perlon reicht so weit wie die des verwandten Nylon. Beide gehören zu den Polyamiden und besitzen gleich hohe Eigenschaften, nämlich die außerordentliche Reiß-, Scheuer- und Biegefestigkeit und damit die Haltbarkeit in einem bei keiner anderen Faser erreichten Ausmaß, ferner die Schrumpf- und Knitterfestigkeit, die leichte Waschbarkeit und das glatte Trocknen, die Unempfindlichkeit gegen Feuchtigkeit und Motten. Eine Ausstellung von Fertigerzeugnissen anläßlich der Einweihungsfeier in Oberbruch zeigte auch dem Laien die vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten. vom Strumpf bis zum gummielastischen Gewebe, vom Herren-Oberhemd bis zum Nähgarn. Außerdem kann die Technik mit Autoreifencord, Hochleistungsförderbändem, Tauen, Seilen und anderen stark beanspruchten Gegenständen in einer nur dem synthetischen Spinnstoff eigenen Verbrauchstüchtigkeit rechnen. Hauptabnehmer aber werden, die Textilverarbeiter sein, insbesondere die Damenstrumpfindustrie, die mit der Perlonseide ein hervorragendes heimisches Gespinst erhält und damit die Devisenlage von der Rohstoff- und Exportseite entlasten kann. Die heutige Produktion ist für eine ausgeglichene Marktlage noch zu knapp, wenn auch die Feinheit der Perlonseide (bis zu nur 15 oder 20 Gramm je 9000 Meter) ein Plus gegenüber anderen Spinnstoffen bedeutet. Perlonartikel haben in Deutschland leider Seltenheitswert. Die Fabrikpreise für Perlonseidenstrümpfe schwankten kürzlich noch zwischen 6 und 13 DM. Mit der Zeit werden die Spitzenpreise verschwinden müssen, wenn die Perlonerzeugnisse zu einem Massenartikel werden, also die gleiche Volkstümlichkeit gewinnen sollen, wie sie Reyonstoffe seit langem besitzen. H. A. N.