Vor dem Kriege wehte die Flagge der Hapag auf allen Weltmeeren. Wo man sie auf internationalen Schiffsrouten und in den Häfen sah, war sie ein Symbol deutscher Leistung, dem Achtung und Anerkennung entgegengebracht wurden. Dann war es viele Jahre still um diese Flagge. Sehr bescheiden begann die Hapag in diesem Jahre mit der Nordatlantik-Charterfahrt, gemeinsam mit dem Norddeutschen Lloyd. Und fünf lange Jahre seit Waffenstillstand mußten vergehen, ehe die Hamburg-Amerika Linie ihren Nachkriegsstart mit einem eigenen Schiff beginnen durfte. Dem Ansehen der Flagge hat diese erzwungene Pause nicht geschadet; wir wissen, daß man in Nordamerika, in Mittelamerika und in Westindien längst auf das traditionelle Zeichen der Hapag gewartet hat.

Nun also ist es soweit: als erster Nachkriegsneubau wurde das Frachtmotorschiff „Hamburg“ in Dienst gestellt. Seine Jungfernreise führte das Schiff nach Schweden zur Erzfahrt, um anschließend den Westindiendienst aufzunehmen. Wenn auch die äußere Form an die bekannten Hapag-Schiffe der Vorkriegszeit erinnert, so ist ein Vergleich doch gewagt. Denn schließlich verfügte die letzte „Hamburg“, die 1926 unter der Hapag-Flagge in die Welt fuhr, über 22 177 BRT; die „Hamburg“ des Jahres 1950 aber mußte sich mit 2300 BRT begnügen. Dieser Unterschied macht wieder einmal die noch immer bestehende Benachteiligung der deutschen Schifffahrt recht deutlich. Und es wird höchste Zeit, daß man sich auf alliierter – vor allem britischer –Seite endlich dazu bereit findet, uns das Handicap der langsamen Schiffe zu nehmen. Für Westdeutschland ist es auf die Dauer völlig unrentabel, im Auslande Schiffe zu kaufen, denen man nach wenigen Jahren praktisch nur einen Altertumswert zuerkennen kann. Unrentabel aber ist auch der Bau langsamer Schiffe.

Die Sorge um die weitere Entwicklung des deutschen Schiffsbaues kam überzeugend aus der Rede des Direktors der Howaldts-Werke AG., Schecker, zum Ausdruck, der im Verlaufe der Probefahrt der „Hamburg“ vor einem großen Kreis geladener Gäste aus Behörden, Wirtschaft. Schiffahrt und Häfen sprach.

Unter den augenblicklichen Beschränkungen wird sich kaum ein deutscher Reeder finden, der derartig langsame Schiffe bauen läßt. Und unsere Werften müssen warten. Vielleicht besteht sogar die Gefahr, daß die Helgen eines Tages von Auslandsaufträgen so gefüllt sind, daß auf deutschen Werften für deutsche Schiffe kein Platz ist. Das würde dann wohl nicht nur zu einer Tragödie der deutschen Werften führen, das würde auch den neuen Ruin der bescheidenen deutschen Schiffahrt bedeuten. Aber Zeit ist wirklich nicht mehr zu verlieren, das betonte auch Direktor Schecker. Denn Schiffsbauaufträge, die im November 1950 bestellt werden, können erst im März 1952 zur Ablieferung gelangen. – Für die Hapag sprach Direktor Henning von Meibom Er erinnerte daran, daß seit der letzten Probefahrt eines Hapag-Neubaues viel Wasser die Elbe hinuntergeflossen sei: trübes Wasser für Hamburg, für die Hapag und für die gesamte deutsche Schiffahrt. Wenn das Schiff auch fast zu klein sei, um den stolzen Namen „Hamburg“ in die Welt hinauszutragen, so konnte, wie er aufrichtig zugab, die Hapag es sich doch nicht versagen, ihrem ersten auf einer Hamburger Werft nach dem Kriege erbauten Schiff den Namen der Stadt und des Hafens zu geben, in dem sie seit über 100 Jahren beheimatet ist und mit deren Schicksal sie sich in guten und bösen Tagen verbunden fühlt. – Das Bundesverkehrsministerium war durch Ministerialdirigent Dr. Schubert vertreten, der diese festliche Probefahrt unter anderem zum Anlaß nahm, vor allzu optimistischen Prognosen für die deutsche Schiffahrt zu warnen. Der Name des Ministers Seebohm wurde freilich nicht genannt, aber die Hörer erinnerten sich doch an dessen von wenig Sachkenntnis getrübte Voraussage, wonach unsere Handelsflotte Ende 1950 auf 750 000 BRT angestiegen sein würde. Die Zahl stimmt wohl; doch diese 750 000 BRT halten, da sie zu einem großen Teil nur Altertumswert besitzen, auch nicht einen bescheidenen Vergleich mit der modernen ausländischen Tonnage aus. Und darum ist es in deutschen Fachkreisen unbegreiflich, daß man über diese ungeschickte Formulierung im Ausland aus ängstlichen Konkurrenzgefühlen heraus so viel Aufhebens machte. Willy Wenzke