In weißen Lettern steht zu Häupten des Buchtitels der Name des Verfassers: Erich Kempka. Weiß ist die Farbe der Unschuld. Dann folgt in Gelb, der Farbe des Lichts, das kleine gernegroße Wörtchen: "Ich"... und in schwarzen Lettern heißt es sodann "... habe Adolf Hitler verbrannt"; schwarz ist die Farbe der Trauer. – Dieser Titel; diese Farbensymphonie, in deren Hintergrund ein blutiges Rot nicht fehlen durfte, diese Geschmacklosigkeit ist eine Leistung des Kyrburg-Verlags, München. Der Verfasser selbst Ist unschuldig. Er hat in seinem ganzen Leben "noch niemals einem Menschen etwas Böses zugefügt" – wenigstens nicht wissentlich; wir glauben ihm dies aufs Wort. Einst verführt durch Hitler, wurde er heute, ein gewiß sonst braver Kerl, vom Kyrburg-Verlag verführt; diesmal zu dem Zweck, jene Hitler-Betrachtungen aus der Kammerdiener-Perspektive, an denen wir ja keinen Mangel haben, um ein weiteres Werk zu vermehren, wozu ihn vor allem diese Tatsache prädestiniert: er war der Mann, der Adolf Hitler verbrannte Er hat also zur Weltgeschichte beigetragen. Mit mehr als hundert Litern Benzin!

Dreizehn Jahre zuvor, Anno 1932, hatte dieser kreuzbrave Mann im Zimmer 135 des Kaiserhofs dem "Führer" folgende Meldung gemacht: "Erich Kempka... Vater Ruhr-Bergmann in Oberhausen, einundzwanzig Jahre alt... bisher Fahrer des Gauleiters Terboven..." Natürlich tat er das in strammer Haltung. Er hatte Erfolg. Er wurde des "Führers" Fahrer. Und er blieb es dreizehn Jahre lang. Die stramme Haltung aber hat er bis heute beibehalten, da er in aller Unschuld schreibt: "Ich kann es nicht beurteilen, aber vielleicht wird die Geschichte dem ‚Führer‘ dies dereinst zum größten Vorwurf machen, daß er zu gutgläubig war!"

Er glaubt es, er schreibt es, auf die Gefahr, daß er’s nicht beurteilen kann. Aber hat denn der Kyrburg-Verlag keinen einzigen Lektor, der es beurteilen konnte? Keinen, der in der Lage war, hier – dem hakenkreuzbraven ehrlichen Kempka kurz ein paar kräftige, aufklärende Worte zu sagen? Vielleicht, daß Kempkas schlichte Ehrlichkeit den Kyrburg-Verlag gerührt hat. Und tatsächlich haben die Beziehungen Kempkas zu Hitler viel Rührendes. Da Kempka weder ein Jude noch ein Intellektueller, weder ein Kapitalist noch Marxist war, sondern einfach ein hackenzusammenschlagender braver Kerl, der gut Auto fahren konnte, war Hitler nett zu ihm und pflegte zu sagen: "Meine Fahrer sind meine besten Freunde! Diesen Männern vertraue ich mein Leben an!" Und Kempka, inzwischen zum "Chef des Kraftfahrwesens beim Führer", zum Herrn über 120 Fahrzeuge befördert, revanchierte sich, indem er für Hitler einen gepanzerten Wagen erfand. "Der Chef", schreibt Kempka, "war begeistert", gab andere derartige Wagen in Auftrag, wodurch seinem Chauffeur "die Ehre zuteil wurde, solche Fahrzeuge persönlich verschiedenen Staatsoberhäuptern als Geschenk zu überbringen" Und feinsinnig fügt Kempka noch hinzu: "Ob General Franco wohl noch den gepanzerten Wagen fährt, den ich ihm einst zustellen ließ? ..."

Daß Hitler, der Mann neben Kempkas Steuer, einen Krieg vorbereitete, hat er, der Mann am Steuer, nicht gemerkt: "Für mich selbst überraschend brach der Krieg aus", schreibt Kempka. Aber manches fiel ihm auf, wenn er’s auch nicht verstand: Einmal wurde der italienischen Kronprinzessin, die zu Besuch beim "Führer" war, der Tee zu heiß serviert. "Die Kronprinzessin verbrannte sich den Mund". Dies war, so verrät Kempka, der Anlaß, durch den es Bormann, dem "Reichsleiter", gelang, den Chefadjutanten des "Führers", Brückner, aus seinem Amt zu entfernen. Weil die Prinzessin sich den Mund verbrannte!So ein "Drittes Reich" war das! Und so ein "Führer"! Aber Kempka merkte es nicht. Zuletzt, als Fegelein, der Schwager Eva Brauns, aus dem "Führerbunker" ausriß und von draußen telefonierte, er Wolle versuchen, Hitler und Eva herauszubringen aus dem brennenden Berlin, sprach der "Führer" das Todesurteil über den Schwager aus und ließ ihn – eine seiner letzten Amtshandlungen – erschießen. So ein "Führer" war das, Kempka! Und es erschossen den SS-General die eigenen SS-Untertanen So eine SS war das, Herr Obersturmbannführer Kempka!

Daß Kempka seinen Bericht in aller Ehrlichkeit geschrieben hat, nützt ihm und seinem Buche nichts. Gott aber gebe, daß er keine dummen Leser finde, Gott gebe, es sei das Wort einmal nicht wahr, daß die Dummen nicht alle werden! Denn für die Dummen im Lande sind Kempkas posthume Hitler-Ehrungen eine Gefahr, ohne Zweifel! Wer nur ein wenig nachdenken kann, dem sind seine Schilderungen eine grausige Groteske: Erst ließ Hitler sich mit Eva traten, und darüber sagt Kempka in aller Ehrfurcht den klassischen Satz: "Der schweren und unglücklichen Zeit angepaßte Worte über Ehe und eheliche Pflichten kamen gedämpft über die Lippen des Beamten." Dann starb Hitler, und dann traute Kempka "persönlich" als "zuständiges Einheitsführer" einen Untergebenen mit dessen. Braut; dies in "der Diätküche des Bunkers" und in "feierlicher Stille".

Wer’s nicht gewußt hat, faßt sich an den Kopf und fragt sich: Waren die Leute im ‚Führerbunker" und in Hitlers Umgebung wirklich so? Ja, sie waren so! Brutal und sentimental! Eineewige Scham für uns Deutsche, ob wir’s wußten oder, wie Kempka, unwissend-unschuldig waren.

Im Nachtrag sei die glaubenswürdige Mitteilung Kempkas erwähnt, daß des "Führers" Asche in einem kleinen Grab an der Wand von Kempkas Wohnhause beigesetzt worden sei. Die Lage des "Wohnhauses" entnimmt der interessierte Leser einem Grundriß auf Seite 56 und 57; man findet es, wenn man von der Wilhelmstraße auf das Gelände der "Neuen Reichskanzlei" kommt, gleich, rechter Hand. Man kann hingegen und stumm den Arm zum deutschen Gruß erheben und eines Wortes des Fahrers Kempka gedenken? "Erst spätere Generationen können über diesen Mann, ein genaues Urteil fällen." Kempka hat es nicht gekonnt. Jan Molitor