Wie „die Deutschen“ sich zur Remilitarisierung verhalten, kann man heute in fast jeder Erklärung politischer Redner, in Kundgebungen und in Broschüren erfahren. Zu diesem Thema erheben ihre Stimmen Minister und Parteifunktionäre, Pfarrer und ehemalige Offiziere. Aber sie, die eigentlich auch einmal etwas zu dieser Frage sagen müßte, die deutsche Jugend nämlich, die im letzten Krieg das Gros der Kämpfer stellte, und aus der auch eine zukünftige Truppe bestehen müßte, äußert sich überhaupt nicht, oder wenn, dann nur mit großem Mißvergnügen zu dieser Frage.

Es ist nicht nur das Mißvergnügen, die vielleicht nach harten Kämpfen gerade erworbene zivile Stellung erneut für Ideale aufs Spiel setzen zu müssen, die – wie das von der Erhaltung des Abendlandes – zwar groß sind, mit denen man aber diese Generation schon einmal getäuscht hat. Es ist erst recht nicht mehr jene pazifistische Haltung, die vor allem unter dem Einfluß der re-education große Teile der deutschen Jugend von 1945 bis 1947 beherrschte. Von der Tatsache, daß man dem Bolschewismus auf die Dauer nur mit Waffen erfolgreich entgegentreten kann, ist die junge Generation heute wohl überzeugt. Es ist etwas anderes.

In einer Wahlversammlung in Lübeck erklärte der Vorsitzende der deutschen Bruderschaft Beck-Broichsitter, es werde Zeit, daß an Stelle der Minister, die „noch keinen Schuß Pulver gerochen“ hätten, das Wort zur Wiederaufrüstung nun den ehemaligen Frontsoldaten übergeben werde. – Genau dies ist eine Tonart, die wir Jungen nicht mehr hören wollen. Ein Mann, der auf der Klaviatur des Kasino- und Kasernenhofjargons spielt, ist uns verdächtig; die meisten von uns verspüren keine Lust mehr, unter der Führung solcher Leute den Westen zu verteidigen. Der Militarismus, zu dessen Kennzeichen eine spezielle „Offiziersehre“ und ein „graues Ehrenkleid“ und zu dessen Prinzip die Entpersönlichung des einzelnen auf dem Kasernenhof gehört, ist uns suspekt geworden. Die junge Generation vermag keinen Unterschied zu sehen zwischen der Ehre eines Offiziers und der eines jeden Menschen. Der Soldatenstand erscheint ihr als ein notwendiges Übel, das „graue Ehrenkleid“ als ein meistens sehr schlecht sitzender Anzug, den Menschen in der Geschichte leider immer wieder von Zeit zu Zeit gegen die Zivilkleider eintauschen mußten. Die Überbewertung des Soldatentums ist uns der Kernpunkt des Militaristischen – wir möchten, daß auch in Deutschland das Militär endlich einen zivilen Charakter bekommt.

Freilich wird auch von uns keiner behaupten wollen, daß eine Armee ohne Drill aufgebaut werden könnte. Wie wäre es aber, wenn die künftige militärische Ausbildung wie eine Berufsausbildung aufgefaßt würde, in der die notwendigen Kenntnisse des militärischen Handwerks gelernt werden und sonst nichts?

Und noch eins kommt hinzu. Die Erziehung zur Masse, die oft der Kern der früheren Rekrutenausbildung war, wird den Anforderungen eines modernen Krieges gar nicht mehr gerecht. Der moderne Krieg löst sich vielfach auf in „Schwerpunkte“, „Igelstellungen“, „Stoßkeile“, in denen der einzelne verantwortungsbewußt handeln muß. Schon für die beiden vergangenen Kriege war es ein Irrtum zu glauben, die damalige deutsche Wehrmacht habe sich deswegen an manchen Plätzen so hervorragend geschlagen, weil sie „im alten Stil gedrillt“ worden sei. Umgekehrt ist es richtig: Da, wo diese Truppen sich gut schlugen, hatten sie und ihre Offiziere den Kasernen- und Kasinojargon, aus dem auch das Wort vom „Schuß Pulver“ stammt, ganz gründlich vergessen. A. M.