Das vierte iranische Kabinett dieses Jahres, mit dessen Bildung der Schah Ende Juni den Generalstabschef General Ali Rasmara beauftragt hatte, sitzt fest im Sattel. Diese Tatsache verdankt der Ministerpräsident neben seiner unbestreitbaren Umsicht und Geschicklichkeit dem glücklichen Umstand, daß sein Amtsantritt mit der Ankunft des neuen USA-Botschafters Dr. Henry F. Grady zusammenfiel, der auf Grund seiner erfolgreichen Tätigkeit in Griechenland eine starke Resonanz in Washington hat. Von noch größerem Einfluß aber war zweifellos der Ausbruch des Korea-Krieges. Er brachte eine Vermehrung der amerikanischen Waffenlieferungen mit sich, die schon heute weit über den ursprünglich für 1950 bewilligten Wert von 10 Millionen Dollar hinausgehen. Außerdem hatte der Korea-Krieg zur Folge, daß sowohl in Washington wie auch in Moskau Wichtige Iran betreffende politische und wirtschaftliche Probleme schneller und günstiger entschieden wurden, als nach dem bisherigen Verlauf erwartet werden durfte. So konnte Ali Rasmara dem Parlament am 10. Oktober die Bewilligung einer ersten Anleihe durch die Export-Import-Bank der USA in Höhe von 25 Millionen Dollar mitteilen, der weitere Anleihen folgen sollen. Einige Tage später unterzeichneten der Ministerpräsident und Botschafter Grady das erste Abkommen irrt Rahmen des von Präsident Truman von 18 Monaten verkündeten „Punkt Vier“-Programms, durch das Iran 500 000 Dollar als Beihilfe für die Errichtung von landwirtschaftlichen Forschungsanstalten und Modellbetrieben erhält.

Zur Beschleunigung der amerikanischen Entscheidungen hat – last not least – auch die Tatsache beigetragen, daß der rote Botschafter’ in Teheran, Ivan Sadschikow, am 4. August in völliger Abkehr von der bisherigen sowjetischen Haltung im Auftrage seiner Regierung den Abschluß eines Handelsvertrages vorgeschlagen hatte. Dieser Anregung folgte einige Wochen später eine Erklärung der Moskauer Regierung, sie sei nicht nur bereit, alle bisherigen Grenzzwischenfälle freundschaftlich zu regeln, söndern wolle auch über die Erstattung der von der Sowjetischen Militärverwaltung während der Besatzungszeit von der iranischen Regierung geforderten und bezahlten Besatzungskosten verhandeln. Als Zeichen ihres guten Willens entließ die Regierung in Moskau eine Anzahl von iranischen Soldaten, die irrt Verlaufender Grenz-Zwischenfälle von den Russen verschleppt worden waren ...

Die Handelsvertagsverhandlungen verliefen reibungslos. Nur einmal drohte ein ernster Konflikt, als die Sowjets die Erklärung der iranischen Regierung ablehnten, sie werde den Handel mit der Sowjetunion ausschließlich durch drei staatliche iranische Korporationen und nicht durch private Kaufleute abwickeln: Ali Rasmara blieb fest. Iran, so sagte er, wünsche nur das gleiche Verfahren anzuwenden, dessen sich auch die Sowjets bedienten. Und Moskau gab nach. Am 4. November fand die feierliche Unterzeichnung des Handelsvertrages in Teheran statt, der nach den Worten Ali Rasmaras eine „neue Ära der Freundschaft zwischen Iran Und Rußland einleitet“. Der Vertrag setzt im ersten Jahre einen Warenaustausch im Werte von 20 Millionen Dollar fest.

Seit Sonnabend wird nun in der russischen Grenzstadt Astara am Kaspischen Meer von einer sowjetisch-iranischen Kommission über die endgültige Bereinigung aller Grenzzwischenfälle verhandelt. Gleichzeitig ist eine andere, aus drei Russen und vier Iranern bestehende Kommission in Teheran zusammengetreten; die eine Vereinbarung über die Rückerstattung der sowjetischen Besatzungskosten herbeiführen soll. Die iranische Regierung stützt ihre Forderung auf Zahlung von Gold und Devisen im Werte von 20 Millionen Dollar, auf die vom Kreml im Jahre 1943 gegebene Garantie, den Betrag für die Besatzungskosten in Moskau in Gold zu deponieren und nach dem Kriege der iranischen Regierung zu übergeben. Nach Auffassung gut unterrichteter Kreise in Teheran besteht kein Grund mehr, wegen dieser Zahlung in Sorge zu sein.

Ali Rasmara kennt die Vorteile und die Gefahren, die Iran aus seiner geographischen Lage und seinem Ölreichtum erwachsen. Indem er letzteren so weit wie Möglich Ausweicht und die anderen geschickt ausnutzt, 11 setzt er die traditionell Politik fort, durch, die der erste Schah aus dem Hause Pahlevi Iran zu einem freien und unabhängigen Staat gemacht hat. Ernst Krüger