Ascona im November

Der starke Duft der Espresso-Maschinen aus jedem dritten Haus der engen Straße und aus jedem zweiten der des siedenden Ö.s, in dem Fische braten, pommes frites, Gemüse – das ist die Mischung, vor der alle andern verschwinden, das Parfüm der vielen Damen und sogar das Benzin der unaufhörlich knatternden Altos. Man könnte mich mit verbundenen Augen dorthin verzaubern, ich würde Ascona erkennen an dieser Mischung.

Da war einmal ein Tessiner Dorf mit Fischern, Weinbauern und verrückten Künstlern. Ein Vertrag wurde dort geschlossen, einer der vielen Verträge vom ewigen Frieden, der nachher Locarno-Pakt hieß. Das Dorf wurde bekannt, berühmt, mondän. Die Villen kletterten die Bergkönige hinauf und die Ufer hinunter, ins Schwemmland stießen sie vor, und da sitzt man nun an der alten Dorfstraße vor den alten und neuen Cafés und versteht den eigener Klatsch nicht mehr, weil die Autos einen Krach machen, als wäre man im römischen Traforo. Wer die Straße entlang geht, findet sich alle drei Meter an die Mauern geknallt, denn selbst ohne Gehsteig ist die Hauptverkehrsader längst zu eng geworden. Hier hilft noch manchmal die Flucht in Hausflur und Laden. Aber wehe, wenn wir, dem Häuserschutz entronnen, die Strafe am See entlang balancieren, die neuerdings fleißig gesprengt und verbreitert wird; um den Erfordernissen der Motorisierung gerecht zu werden. Rechts der überhängende Fels, links der Absturz zum See, begrenzt von niedrigen Mauerstümpfen à la Kilometerstein, geeignet, ein Auto in Absturz aufzuhalten, jedoch freigebig Raum lassend für drei bis vier Menschen, die vom Scheinwerferlicht geblendet, nach der Vorschriftsseite ausweichen. Autos, die sich nachts begegnen, beschwören das Weltende herauf. Daß nicht täglich und nächtlich einige Opfer still über das Steilufer abstürzend im See verenden – das ist der Zauber von Ascona.

Es scheint, daß Ernst, Drohung, Tragik hier nicht aufkommen können. Wäre es sonst erklärlich, daß nicht einmal das reizende Marionettentheater – es spielt in einem ausgebauten Stall, und einen besseren Hintergrund als den Hof, der in der Pause als Foyer dient, hätte auch Max Reinhardt nicht erfinden können – also nicht einmal dies beliebte Marionettentheater hatte einen ähnlichen Heiterkeitserfolg wie die Luftschutzübung des Schweizer Militärs. Und dabei ging es doch so bitterernst und richtig wie gelernt zu, mit getarnten Abwehrgeschützen, Feuerlöschapparaten, Gasmasken und erster Hilfe. Die Bahre, auf welcher der „Tote“ abtransportiert wurde, fand sich von jubelnden Kindern aller Nationen umtanzt, und den „Verwundeten“, die mit verbundenen Beinen mühselig humpelten, folgte wohlwollendes Gelächter. Glückliches Land, das die sichtbarwerdende Vorbereitung auf das Fürchterlichste als ein Schauspiel genießt. (Wobei man wissen muß, daß diese Vorbereitung der Schweiz an Intensität und Überlegung die des zweiten Weltkrieges noch weit übertrifft.)

Vielleicht wirkt es anders in der Nordschweiz. Hier finden selbst diejenigen, die alles Entsetzen der Kriegsjahre mit- und gerade überlebt haben, ein befreites Lächeln. Ist es sträflichster Leichtsinn, Rohheit, Gotteslästerung in einem Augenblick, da ein „hinten weit in Korea“ nicht mehr als sachliche oder auch nur geographische Ferne gelten kann? Einen Augenblick verfinstern sich Herz und Himmel. Dann gleitet es ab. Es läßt sich nicht erklären, diese Wirkung von Sonne, Luft und Lage, dies Geheimnis der Atmosphäre, die sich aus dem Physikalischen ins Psychisch-Geistige überträgt. „Hier entrinnst du der Sorgen Getriebe – und es trägt dich auf Händen die Lust.“ Der selige Heyse hat Sorrent gemeint – für die Vertonung konnte er nichts –, aber nur, weil er Ascona nicht gekannt hat.

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Wer nur für kurze Stunden kommt und neu ist, sieht nur das Heutige, den Vordergrund, das mondäne Element. Hübsche Läden, viele Antiquitätengeschäfte, Dampfer, Kanus, Pedalos auf der glitzernden Bucht, den Lido, die Bars, die eleganten Hotels und die zahllosen lebensfrohen, erlebnissüchtigen Frauen. Aber wer länger bleibt, kann glücklich feststellen, daß sich nirgends so hübsch und individuell wohnen läßt wie hier, in den alten, aber modern installierten Tessiner Häusern, in den villini, die im Laubwald des Monte Verita zwischen Blumenbüschen versteckt liegen oder aber an jenem schmalen Streifen Felsenufer zwischen Straße und See, den man den „Strand der freudlosen Witwe“ nennt.

Es gilt das Hinterland zu entdecken, das Maggia- und Verzascatal, die halbausgestorbenen Felsennester oben in den Bergen. Eines Tages fällt die Mondänität ab, Piazza, Cafés und selbst das Getöse der Autostraße. Denn eine halbe Stunde davon ist die Einsamkeit zu finden, wenn man sie nur sucht. Damit beginnt die Verwandlung, der Zugang zu der Magie dieser so heiteren und doch so hintergründigen Landschaft, in der die Stillen im Lande noch nicht ausgestorben sind. Martha Maria Gehrke