Allmählich schöpfen die anderthalb Millionen

Einwohner Seouls, die innerhalb kurzer Zeit zweimal „befreit“ wurden, wieder Atem. Seit dem 1. November hat die zerrüttete, zerschlagene Stadt, die seit dem Überfall der Nordkoreaner im Dunkel lag, wieder in einigen Straßenzügen elektrisches Licht. Curfew wurde von sieben auf neun Uhr verlegt. Am meisten profitieren ein paar Tanzlokale und Kabaretts davon, die zuvor schon um sechs Uhr nachmittags schließen mußten. Jetzt wissen die GI’s wenigstens, wo sie am Abend bleiben sollen: in der Dancing Hall, wo koreanische Sweater Girls in kurzen Röcken und junge Damen in wallenden Nationalkostümen für Englischen Walzer und Jitterbug zur Verfügung stehen. In den Kabaretts gibt es Reiswein, amerikanisches Bier und einen koreanischen Weinbrand, von dem die amerikanischen Soldaten behaupten, daß er abscheulich schmeckt, Für eine Flasche amerikanischen Whisky müssen sie 40 Dollar zahlen. Um acht Uhr abends endet das Vergnügen. Die GI’s, von denen etwa die Hälfte Neger sind, verlassen die Tanzhalle durch das Hauptportal, die Mädchen, darunter einige Chinesinnen, durch eine Seitentür – um friedlich nach Hause zu gehen oder um sich hinter der nächsten Ecke wieder zu treffen.

Seoul lebt noch im Schatten der roten Besatzung. Als die Kommunisten Kim Il Sungs nach Seoul kamen, fand die Bevölkerung, es sei richtig, als Kommunist sich zu bekennen, wollte man nicht Leben oder Freiheit verlieren. Wer sich aber „bekannte“, ist jetzt der Polizei und dem Staatsanwalt Singmann Rhees verdächtig. Einige Wochen nach der Befreiung Seouls gab der Generalstaatsanwalt der südkoreanischen Republik, Oh Che Do, bekannt, es seien – in Seoul bisher 9000 Personen wegen Kollaboration Verhaftet, davon aber wieder 1500 freigelassen worden. Die Strenge der Aktion begründete er damit, daß in Südkorea 200 000 Kommunisten und Mitläufer von Kim Il Sung den Auftrag erhalten hätten, eine Untergrundbewegung zu bilden und den Kampf gegen die legale Regierung fortzusetzen.

Charles Grutzner von den New York Times besuchte in den letzten Oktobertagen das Hauptgefängnis von Seoul im Westen der Stadt. Der Gefängnisbeamte Mun Chi Yun, der ihn führte, war der Meinung, daß die meisten Häftlinge, besonders die Frauen, unschuldig seien. Die Gefangenen befinden sich zu je 24 in Zellen, die etwa drei mal drei Meter messen und in denen sich nichts befindet als ein Kübel. In einem besonderen Trakt werden die Frauen, insgesamt 1200, gehalten. Das Gefängnis ist durch den Krieg teilweise zerstört, die Apotheke von den Nordkoreanern ausgeplündert worden, so daß es an medizinischer Fürsorge fehlt. Kurz vor dem Besuch des Amerikaners hatte die koreanische Regierung angeordnet, daß weitere 4000 Häftlinge aufgenommen werden müßten. Der Gefängniswärter Mun bezeichnete das als unmöglich, er habe weder Raum noch Essen für so viele Menschen. In dem Raum, wo die ersten Verhöre stattfinden, befanden sich fünf Personen. Sie kauerten am Boden, mit gebeugtem Haupt. Die Beamten kehrten ihnen sitzend den Rücken zu und wandten sich nur um, wenn sie eine Frage stellten. Grutzner, erfuhr, daß 200 Verdächtige bereits schuldig befunden waren in Verfahren, in denen sie keine Gelegenheit hatten, ihre Ankläger zu sehen; viele von ihnen wurden zum Tode verurteilt.

Wahrscheinlich muß man diese Vorgänge sehen im Zusammenhang mit der ostasiatischen Grausamkeit überhaupt, ganz besonders aber mit den schauerlichen Massenmorden, die die Kommunisten in Südkorea in den wenigen Wochen ihrer Herrschaft verübt haben. Das – nicht von der Singman-Rhee-Verwaltung, sondern von den Amerikanern zusammengetragene – Material, ergibt, daß den kommunistischen Truppen bis zum 24. Oktober bereits über 20 000 Morde an Kriegsgefangenen nachgewiesen waren, darunter mehr als 300 an Amerikanern. Aber in Seoul allein sollen, nach Angaben des Seouler Bischofs Mariero, 50 000 Zivilisten ermordet worden sein. Eine „Kriegsverbrecher-Kommission“ der UNO soll eingesetzt werden, um die in 62 Fälle aufgeteilten Massenmorde zu untersuchen und zu bestrafen. Dabei will man sich nur an die konventionellen Kriegsverbrechen halten und womöglich die Grundsätze der 1949 beschlossenen, aber noch nicht ratifizierten Genfer Konvention über die Behandlung der Kriegsgefangenen berücksichtigen. Indessen konnten die UNO-Truppen bisher erst drei Nordkoreaner verhaften, die verdächtig sind, an diesen Kriegsverbrechen teilgenommen zu haben. Sie sind im Gewahrsam der Amerikaner. Die Tausende von Gefangenen im Gefängnis von Seoul und sonst überall in den Städten Südkoreas sind aber im Gewahrsam der Südkoreaner. Sie sind nicht der Kriegsverbrechen, sondern der Kollaboration verdächtig, eines dehnbaren Tatbestandes, der es ermöglichen kann, daß an die Stelle der Bestrafung Schuldiger eine allgemeine Abrechnung tritt.

Am 2. November wohnten einige Korrespondenten in Seoul einer Hinrichtung bei. Unter den 27 Verurteilten, die an diesem Tage vom Gefängnis aus ihren letzten Weg antraten, befanden sich zwei Frauen. Die eine War eine kommunistische Parteibeamtin, Kreisleiterin der kommunistischen Frauenorganisation. Die andere, Lee Chang Ho, war ein Kiisang-Mädchen, eine Geisha, wie man sie in Japan nennt. Sie war die Geliebte des kommunistischen Polizeichefs von Seoul gewesen.

Die Exekution fand an einem sonnigen Nachmittag statt. Die 27 Menschen wurden auf den Gefängnishof gebracht, wo man ihre Identität nochmals überprüfte. Alleblieben ruhig, nur das 29jährige Kiisang-Mädchen weinte und fragte, was aus ihrem Kind werden, solle. Dieses Baby von acht Monaten trug sie immer noch, nach orientalischer Art, auf ihrem Rücken, Dann wurden die zwei Frauen und die 25 Männer auf zwei Offene Lastwagen verladen. Hier erst fiel es einem koreanischen Beamten ein, das Kind vom Rücken der Mutter loszubinden und in das Gefängnis zurückbringen zu lassen. Dann setzte sich die traurige Karawane in Bewegung, an deren Ende sich ein Jeep mit koreanischen Militärpolizisten und ein Lastwagen mit zehn uniformierten Mädchen der südkoreanischen Fräüenmiliz befand, die fröhlich kicherten und Gummi kauten. Nach einiger Zeit verließen die Wagen die Hauptstraße und rollten über einen elenden Feldweg auf einen Hügel, wo in der Nähe eines alten Friedhofes Gruben ausgehoben waren, vor denen Holzpfosten standen, In einiger Entfernung davon wurden die Verurteilten in Reihen zu neun aufgestellt. Das Kiisang-Mädchen fing wieder an zu klagen und „Aegi“ zu rufen, den Namen ihres Kindes,