Noch keine Riesenrasse

Von Gösta Uxkull

Stockholm, Anfang November

Seit es den drei schwedischen Gelehrten, Professor Gösta Häggqvist, Dr. Allan Baue und Lizentiat Yngve Melander, gelungen ist, "triploide" Kaninchen zu züchten, verstummen nicht die Gerüchte über Riesenkaninchen, Riesenschweine, Riesenkühe und – ja, warum denn nicht? – Riesen menschen! Aber die Wahrheit sieht zunächst viel weniger phantastisch aus.

Von jeher haben Versuche, in das Geheimnis des Schöpfungsakts einzudringen, die menschliche Neugierde besonders angezogen. Von Darwin bis Lysenko hat sich dieser Zweig der Biologie stets besonderer Popularität erfreut. Ihre Forschungsergebnisse wurden zum Thema der weltanschaulichen und politischen Tagesdiskussion – nicht immer zum Nutzen der Wissenschaft. Derartige Mißgriffe werden die Welt jedoch auch zukünftig nicht von dem Wunsch heilen, durch das Schlüsselloch des Vererbungsforschers zu sprechen. Zu groß ist die Versuchung, die Natur bei einer ihrer geheimnisvollsten Verrichtungen zu belauschen – und ihr ins Handwerk zu pfuschen.

Heute sind es vor allem zwei Wege, auf denen die Forschung sich einen Weg in dies geheimnisvolle Land bahnt. Der eine Weg ist die Einwirkung auf die Gene, jene winzigen Zellpartikel, welche die Eigenschaften einer Tier- oder Pflanzenart von Generation zu Generation weitertragen. Kosmische und radioaktive Strahlen verändern die Gene und damit die Eigenschaften der neuentstehenden Lebewesen. Einige Forscher glauben hier bereits den Schlüssel zu dem Rätsel der Entstehung neuer Arten gefunden zu haben, andere sind vorsichtiger und verweisen darauf, daß die Bestrahlung der Gene, zumal bei höheren Tieren, in der Regel zu nichts anderem führt, als zu Mißgeburten.

Der zweite, harmlosere Weg ist die Veränderung der Chromosomenzahl. Chromosome sind jene im Ruhezustand der Zelle im Zellkern aufgerollten Bänder oder Schnüre, an denen die Gene aufgereiht sind wie Perlen an einem Halsband. Jede Art von Lebewesen besitzt eine ganz bestimmte feststehende Anzahl dieser mikroskopischen Perlenschnüre. Beim Menschen zum Beispiel beträgt sie 48, beim Kaninchen 44. – Teilt sich eine Zelle (ein Vorgang, der sich im lebenden Organismus unaufhörlich vollzieht), so teilen sich auch die Chromosome, so daß ihre Zahl in den beiden neuen Zellen die gleiche ist, wie in der alten. Während des Teilungsvorgangs lösen sich die Chromosome aus dem engen Verband im Zellkern und führen für kurze Zeit ein Eigendasein. In diesem Augenblick ist es möglich, sie zu zählen.

Von der Regel der vollen Chromosomenzahl in allen Zellen gibt es jedoch eine sehr wichtige Ausnahme: die der Fortpflanzung dienenden Zellen haben nur die halbe Anzahl. Andernfalls würde ja bei jeder Befruchtung, die in der Verschmelzung einer weiblichen mit einer männlichen Zelle besteht, eine Verdoppelung der Chromosomenzahl eintreten. Für die Einhaltung der richtigen Chromosomenzahl in den Geschlechtszellen sorgt ein besonderer Kontrollapparat. Setzt man diesen im entscheidenden Augenblick der Teilung außer Funktion, so behalten die Geschlechtszellen die volle Chromosomenzahl. Versagt der Kontrollapparat sowohl in der männlichen wie in der weiblichen Geschlechtszelle, dann ist das Ergebnis – falls die Befruchtung überhaupt gelingt – eine Chromosomen Verdoppelung, wird er nur in einer der beiden zur Befruchtung gelangenden Zellen außer Betrieb gesetzt, so enthalten die Zellen des neuen Organismus anderthalbmal soviel Chromosome wie die normalen Artgenossen. Den normalen, durch zwei teilbaren Chromosomensatz nennt man "diploid", den doppelten "tetraploid" und den anderthalbfachen "triploid".

Noch keine Riesenrasse

Professor Häggqvist begann seine Experimente mit Fröschen. Es gelang ihm, Riesenkaulquappen zu züchten. Die Kaulquappen wuchsen und gediehen, einige erreichten ein Alter von zwei Jahren, aber sie verspürten keine Neigung, den Schritt zum Frosch zu tun. Die verdoppelten Zellen versagten offenbar in dem entscheidenden Augenblick der Metamorphose. – Schon dieses Beispiel zeigt, daß die Chromosomenvermehrung kein einfaches Rechenexempel ist: Das Schema, je mehr Chromosome, desto größerer Wuchs, paßt keineswegs immer, und auch wo es paßt, wird der Vorteil des größeren Wuchses oft von sehr viel wesentlicheren Nachteilen aufgewogen.

Der immerhin zur Hälfte geglückte Froschversuch ließ Häggqvist auf den Gedanken eines Versuchs mit Säugetieren kommen. Das Gift der Herbstzeitlose, Colchicin, wurde dem Sperma eines Kaninchens beigemischt und mit diesem Sperma die Befruchtung vorgenommen. Von den überlebenden Jungen waren tatsächlich einige (nicht alle) wie man später an Hand von Blutproben und Zelluntersuchungen feststellen konnte, jedenfalls im Augenblick der Geburt triploid. Die Triploidität erklärt der Forscher damit, daß das Colchicin nur auf die Eizelle wirkte, nicht auf das Sperma.

Die triploiden Kaninchen zeigen in der Tat kräftigeren Wuchs als ihre Eltern oder ihre diploiden Geschwister. Eine Vermehrung der "Riesenkaninchen" untereinander oder mit normalen Artgenossen ist jedoch nicht gelungen. Im ersteren Fall kam es überhaupt nicht zu einer Befruchtung, im zweiten starben die Jungen kurz nach der Geburt. Man hat also bisher zwar einige Exemplare von Riesenkaninchen, aber noch keine Riesenrasse.

Es ist sogar nach allem was man bisher weiß, nicht ausgeschlossen, daß die triploiden Kaninchen je länger sie leben, desto normaler, das heißt, diploider werden. Die sehr eingehenden Untersuchungen von Yngve Melander, dem dritten der drei Forscher, haben nämlich gezeigt, daß in den Zellen der triploiden Kaninchen ein ausgesprochenes Durcheinander herrscht, und daß neben triploiden auch diploide Zellen in großer Zahl vorkommen. Diploide Zellen sind besser ausbalanciert als triploide und daher vitaler. Normalerweise enthält die triploide Zelle eines Kaninchens 66 Chromosome. Bei der Teilung entstehen bisweilen auch Zellen mit 44 Chromosomen, was genau der Chromosomenzahl des normalen diploiden Kaninchens entspricht.

Das nächste Ziel der schwedischen Forscher ist nun die Hervorbringung eines tetraploiden Säugetiers, sei es eines Kaninchens oder eines Ferkels (die neuesten Versuche werden an Schweinen vorgenommen). Ein Tier mit der doppelten (statt anderthalbfachen) Chromosomenzahl würde – wenn es lebensfähig ist, aller Voraussicht nach, nicht nur größer sein als ein triploides, sondern dieses auch an Vitalität und Fortpflanzungsfähigkeit übertreffen. Die bisher gewogenen, von Häggqvist behandelten Ferkel sind jedoch alle zu leicht befunden worden. Ihr Gewicht unterschied sich nicht um ein Gramm von ihren unbehandelten Artgenossen gleichen Alters.

Um den Riesenmenschen, den die Schlagzeilen der Stockholmer Blätter vor einigen Wochen an die Wand malten, ist es inzwischen still geworden, und die drei Gelehrten können in Ruhe ihren interessanten Forschungsweg weiter verfolgen. Die Publizität um das Riesenkaninchen hatte insofern ihr Gutes, als sie dazu verhalf, den Forschern diesen Weg finanziell zu ebnen. So kann auch die Suche nach dem künstlichen Riesenmenschen, in all ihrer Narrheit, ebenso wie einst die Suche nach dem künstlichen Gold, zur Bereicherung unseres Wissens beitragen. Bisher zeigt uns jede neue Erkenntnis auf dem Gebiet der Chromosomenforschung, wie sehr wir uns noch auf der Schwelle dieses Neulands bewegen.