Von W. Fredericia

Charles-Henri de Longval ist vierzehn Jahre alt, als das Schicksal zum erstenmal in sein Leben greift. Ein harmloser, lächerlicher Anlaß: nach langer Trennung kommt sein Vater aus Paris am Besuchstag in die Klosterschule von Rouen, um sich nach den Fortschritten des Sohnes zu erkundigen. Weder die Fratres noch die Zöglinge kennen den sorgfältig gekleideten, untersetzten Mann, der zärtlich sein Kind umarmt – doch einer erkennt ihn, der Vater eines anderen Jungen, hoher Beamter im Justizministerium. „Ich muß mich wohl irren“, sagt er, „aber die Ähnlichkeit ist frappant...“ Dann flüstert er seinem Sohn ein paar Worte zu. Einige Tage später wissen alle, daß Charles-Henri der Sohn des „Monsieur de Paris“, des Henkers, ist. Der Superior der Klosterschule, so wohlwollend er dem Zögling auch gesinnt ist, darf den Ruf seiner Anstalt nicht vergessen. Der kleine de Longval muß Rouen verlassen. „Denken Sie an Hiob“, sagt ihm der geistliche Herr zum Trost.

Charles-Henri wird im Privatunterricht weiterausgebildet, geht an die Universität Leiden. Er will Arzt werden, hat eine tiefe Abneigung gegen das Gewerbe seines Vaters, das auch in Paris, wie damals fast überall, erblich in der Familie ist. Sein jüngerer Bruder soll Nachfolger des Vaters werden. Aber wieder will es das Schicksal anders. Der Vater, obwohl noch jung, erkrankt an einer Lähmung, der Bruder ist noch ein Kind, die Existenz der ganzen Familie steht auf dem Spiel. Man ruft Charles-Henri aus Leiden zurück nach Paris. Die Mutter seines Vaters, eine Frau von unwiderstehlicher Intelligenz und Energie, überredet, nein, zwingt ihn, sich für die Familie zu opfern. „Der Familienstolz allein sollte genügen“, ruft sie ihm zu. „Familienstolz?“ fragt er bitter. „So steht es also mit dir“, sagt sie entsetzt. „Blickst du also herab auf uns? Du schämst dich deiner Familie? Du empfindest nichts von dem Stolz, Gottes Schwert führen zu dürfen?“ „Gottes Schwert!“ unterbricht Charles-Henri, „warum nicht Gottes Strick? – oder Gottes Eisenbarren?“ (Im achtzehnten Jahrhundert wurden manche Missetäter mit dem Eisenbarren hingerichtet, das heißt, es wurden ihnen mit einem schweren Eisenbarren die Knochen zerbrochen, bis sie schließlich zu Tode gestampft waren.) Aber Charles-Henri setzt sich nicht durch; er muß den widerwärtigen Beruf antreten, wenn auch zuerst unter dem Versprechen, die Hinrichtungen selbst den Henkersknechten überlassen zu können ...

Jetzt führt Charles-Henri, der sich als Henker wie sein Vater einfach Sanson nennt, ein Doppelleben. Als Sanson befehligt er – meist ohne selbst Hand anzulegen – die Hinrichtungen, als Chevalier de Longval besucht er die Theater, jagt, reitet, führt das Leben eines eleganten Kavaliers. Er ist zwar, aus Angst vor der Kluft, die den Henker von den anderen Menschen trennt und die er einmal schon so drastisch im Kloster von Rouen kennengelernt hat, zurückhaltend, sogar einsam. Dennoch lernt er eines Tages ein Mädchen kennen, in das er sich sterblich verliebt. Das Mädchen, Jeanne, ist kühler als er, aber es gedenkt, mit dem eleganten und offenbar auch reichen Chevalier Karriere zu machen. Es wird seine Geliebte, erwartet ein Kind von ihm – er ist überglücklich, setzt den Termin der Hochzeit an. Da geht Jeanne eines Tages an der Seine spazieren, gerät am Pont de Greve in eine Menschenmenge; erfährt, daß hier eine Hinrichtung stattfindet, kann der Sensationslust nicht widerstehen und wird von einem Polizeioffizier in die vorderste Reihe gebracht. Hingerichtet wird ein junger Adliger, der das Recht auf das Schwert hat. Und das Schwert darf nur der Scharfrichter selbst führen, nicht aber seine Knechte. Jeanne bricht zusammen, als sie ihren Geliebten erkennt. Sie flüchtet, holt ihr Eigentum aus ihrer Wohnung, rennt zu einer Kurpfuscherin. Das Kind muß weg, das Kind des Henkers... De Longval braucht Jahre, um darüber hinwegzukommen. Er ist nahe daran, das zu tun, was alle Scharfrichter seiner Zeit tun, nämlich schließlich selbst eine Henkerstochter zu heiraten, nur um nicht mehr vor den Zwang gestellt zu sein, eines Tages zu bekennen, daß er Henker ist. Aber noch einmal verliebt er sich in ein junges Mädchen, Marianne Jugier. Und Mariannes Liebe ist so tief, daß sie trotz seines grauenhaften Berufes seine Frau werden will. Sie tut es, nachdem sie einen erbitterten Kampf gegen ihren Vater geführt hat, der sie lieber entmündigen und in ein – Irrenhaus sperren als die Frau eines Scharfrichters werden lassen will.

Dies ist der wesentliche Inhalt des Romans „Der Kavalier von Paris“ (Taurus-Verlag, Hamburg). Ein grauenhaftes, ein wahres Buch. Man braucht nicht zu wissen, inwieweit sich der Autor, H. M. Mons‚ an geschichtliche und biographische Tatsachen gehalten haben mag. Sondern man ist sich augenblicklich darüber klar, und kann es im Gedankenexperiment jederzeit nachprüfen, daß zwischen dem Henker und allen anderen Menschen wirklich die ungeheure und unüberbrückbare Kluft besteht, aus der dieser Roman seine Handlung und seine tiefe Dramatik nimmt. Sich das zum Bewußtsein zu bringen, hat weit höhere als nur literarische Bedeutung. Denn das Verständnis, das der Leser, trotz aller Sympathie für den geistvollen, innerlich anständigen de Longval, der Sache entgegenbringt, ist ganz offenbar eine spontane Kundgebung menschlicher Moral überhaupt. Der Widerwille gegen den Henker, der vollkommen wahr ist – denn welcher noch so entschlossene Anhänger der Todesstrafe würde sich freuen, wenn seine Tochter den Henker heiratet, seine Enkel die Söhne des Scharfrichters sind? –, ist so tief fundiert, daß alle rationalen Überlegungen, nämlich daß der Henker nur vollzieht, was ein anderer angeordnet hat, daß er ein Diener der Ordnung, ja, der Gerechtigkeit ist und so weiter, daß all diese ganz richtigen Feststellungen das Grauen nicht überwinden können. Infolgedessen muß dieser Widerwille, der nicht rational ist, natürlich sein. Da aber der Henker sich den Widerwillen keineswegs durch persönliche Eigenschaften zuzieht, denn er kann in Wirklichkeit ein gebildeter, hochanständiger Mann sein, kommt das Grauen vor ihm ganz offenbar aus seinem Amt. Und das zeigt an, daß das, was da verrichtet wird, im tiefsten unmoralisch ist, welche rationalen Gesichtspunkte man immer anführen mag, um seine Notwendigkeit zu beweisen. Das Grauen vor dem Henker, der weniger Verantwortung trägt als der Richter (und vor allem der Gesetzgeber), auf den sich aber die Abscheu konzentriert, weil bei ihm das Element der Anonymität der abwesenden und meist von der Exekution physisch und psychisch weit entfernten eigentlich Verantwortlichen fehlt, ist ein viel schlagenderes Argument gegen die Todesstrafe als das sonst, auch gerade jetzt wieder von Lord Templewood in England, verwandte, daß die Todesstrafe keine Wiedergutmachung im Falle eines Justizirrtums gestattet. Es geht daraus hervor, daß die Todesstrafe nicht ein Akt der Notwehr der Gesellschaft ist, sondern, milde gesagt, ein Akt der groben Notwehrüberschreitung. Man kann der Bundesrepublik nur gratulieren, daß sie sich davon freigemacht hat.

Mons versteht noch eine andere Seite dies Problems zu deuten. Sein Monsieur de Paris erlebt die Französische Revolution. Es kommt der Tag, da er, um die eigene Haut zu retten, es auf sich nehmen muß, seinen König zu köpfen und Tausende von unschuldigen Menschen des Ancien Regime, die er weitaus höher schätzt als seine revolutionären Auftraggeber. Als aber dann die Revolution ihre eigenen Kinder zu verschlucken anfängt, da wird de Longval zuletzt Henker aus Lust. Seinen Vorgesetzten, den Oberstaatsanwalt, versteht er noch auf der Guillotine zu quälen, mit rasender Genugtuung köpft er Robespierre. Die Unmoral des Amtes hat die Moral seines Trägers zerstört.

Mons läßt zum Schluß den alt gewordenen de Longval ein Gespräch mit Napoleon führen, der von einem Adjutanten auf der Straße auf den ausgedienten Monsieur de Paris aufmerksam gemacht wird. Das Gespräch ist kurz, Napoleon wendet sich brüsk ab. „Was ist geschehen“, fragt ein Freund den Chevalier.

„Er wollte wissen, wie viele Menschen ich hingerichtet habe. ‚Ungefähr drei und ein halbes Tausend‘, antwortete ich. ‚Und da können Sie ruhig schlafen?‘ fragte er entsetzt. ,Majestät‘, habe ich geantwortet, ‚wenn die Kaiser und Könige und Diktatoren ruhig schlafen, warum soll’s nicht auch der Henker können?‘“