Olivia von Olivia – unter diesem Titel erschien vor kurzem in England eine selbstbiographische Erzählung, die von dem Nobelpreisträger Roger Martin du Gard gleich darauf ins Französische übersetzt wurde. Der Erfolg des Buches bei Kritik und Publikum war ungewöhnlich stark in beiden Ländern. So lebhaft werden die deutschen Leser das besondere Entzücken nicht empfinden können, weil der Reiz dieses Jugendbekenntnisses nicht zuletzt darin beruht, daß eine junge Engländerin in einem Pariser Pensionat die Atmosphäre der gelockerten Sinnlichkeit erlebt und sich in ein schwärmerisches Gefühl für die kapriziöse Institutsvorsteherin steigert, das sie am Ende gänzlich übermannt und die eben entdeckte Welt des französischen Geistes wieder versinken läßt. Diese Wechselbeziehungen zweier Kulturen spiegeln sich auch in der Persönlichkeit der Verfasserin, einer Engländerin (wie bald nach Erscheinen der Novelle bekannt wurde), die die entscheidenden Jahre ihres Lebens in Frankreich verbrachte und mit André Gide freundschaftlich verbunden ist. Sie hat das Buch vor dreißig Jahren als Fünfzigjährige geschrieben; das geschilderte Erlebnis fällt also in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Aus der zeitlichen Distanz erwächst die eigentümliche Form dieser späten Beichte, die in der Kunst der Andeutung einem impressionistischen Bild vergleichbar ist. Durch den Freimut jedoch, mit dem die Empfindungen bloßgelegt werden, gehört das kleine Meisterwerk zugleich auch zu den Kostbarkeiten der modernen Dichtung. (Deutsche Ausgabe im Paul Zsolnay Verlag, Wien, 206 Seiten.) I. H.