Eine Inschrift am Tor der Akademie Platons versagte jedem den Eintritt, der nicht Geometrie gelernt hatte. Ohne Mathematik keine Philosophie, ohne Philosophie keine Sicherheit in der Staatslenkung. Das ist griechische Tradition. Gestern, im munteren Zeitalter der immer fortgehenden Spezialisierung, verstand man kaum noch, warum Platon so gedacht hatte. Heute, im Zeitalter der Angst, hat sich die Kluft mit einem Ruck geschlossen. Die Mathematik in ihrer höchsten Abstraktion – die Atomphysik – hat sich als politische Schlüsselwissenschaft erwiesen. Ein Resultat, auf das Mathematiker wie Politiker zunächst nur mit einem Schock reagierten.

Daß dieser Schock aufgefangen werden konnte, verdankt die Welt einigen wenigen Mathematikern, die sich nicht nur (als Privatmenschen sozusagen) den Blick in die Welt freigehalten, sondern als universell gerichtete, ungenügsame Geister sich um die Neustiftung des verlorenen Begründungszusammenhanges zwischen den Wissenschaften und dem praktischen Leben bemüht hatten. Dem unabhängigsten und produktivsten dieser Rechtzeitigen ist jetzt mit dem Nobelpreis für Literatur die Bestätigung seines säkularen Verdienstes gegeben worden: Bertrand Russell, dessen erste Schrift vor über fünfzig Jahren ein „Versuch über die Grundlagen der Geometrie“ war, der von der Mathematik aus das ganze Feld der philosophischen Disziplinen durchleuchtete und mit der so gewonnenen Skepsis auf die moralische und politische Krisis des Jahrhunderts sah. Als Logiker wagte Russell im ersten Weltkrieg seine aristokratische Existenz und ging als Pazifist ins Gefängnis. Als Logiker zeichnete er nach dem zweiten Weltkrieg die Physiognomie des sowjetischen Systems und rief zur Gegenwehr auf, während die Staatsmänner noch damit beschäftigt waren, den toten Hitler zu erschlagen. Der Leibniz-Interpret, der Begründer einer mathematisierten Logik, der Philosoph der Erziehung, der Entlarver aller spekulativen Vorgriffe auf die Erkenntnis, der sozialistische Graf, der Programmatiker des Weltstaates von übermorgen – er ist der platonischste unter den Denkern dieses Jahrhunderts.

Der Achtundsiebzigjährige steht dem Alter nach in der Mitte zwischen den beiden anderen großen Deutern und Ärzten der abendländischen Welt: Benedetto Croce (dem dies Jahr wie voriges Jahr der Nobelpreis vorenthalten wurde) und José Ortega y Gasset (der rüstig genug ist, ihn abwarten zu können). C. E. L.