Das Aufrücken Kaliforniens zum volkreichsten Staat der USA nach New York und eine gleiche Bevölkerungszunahme um 50 v. H: in den beiden anderen Pazifikstaaten Oregon und Washington seit 1940 werden das Faktum Nr. 1 der nordamerikanischen Volkszählung von 1950 sein, deren Ergebnisse demnächst veröffentlicht werden sollen. Um rund 18 (auf 150) Millionen nahm, schätzt man, im Kriegsjahrzehnt 1940/50 die Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten zu, aber um mehr als 5 Millionen allein diejenige der Staaten Kalifornien, Oregon und Washington. Arizona und Nevada, die östlichen Nachbarstaaten Kaliforniens, vermehrten ihre Bevölkerung um 30 v. H., verglichen mit „nur“ etwa 15 v. H. im Gesamtdurchschnitt der USA.

Eine neue demographische Schwerpunktbildung im Westen der Vereinigten Staaten wird also erkennbar. Sie ist das Ergebnis nicht einer natürlichen Bevölkerungsvermehrung, sondern einer gewaltigen Volksbewegung vom Osten nach dem Westen. Das zeigt eine amtliche Schätzung aus dem Jahre 1948. Damals, hatte die Einwohnerzahl Kaliforniens gegenüber 1940 um 3 (auf 10) Millionen zugenommen, aber nur 650 000 davon entfielen auf das Konto des natürlichen Lebenszuwachses, 2,35 Millionen hingegen auf die Seite der Zuwanderung. Dieser neue „westward treck“ mit seiner in Bewegung geratenen Millionenmasse stellt die Vereinigten Staaten vor neue soziale, wirtschaftliche und politische Probleme.

Wie ist es dahin gekommen? Noch in den zwanziger Jahren war das Stagnieren der Bevölkerung im Westen eine der Hauptsorgen der amerikanischen Regierung. Es war genau so schwer, den Bewohner der östlichen Staaten zur Abwanderung nach dem Westen zu bewegen, wie den arbeitslosen Engländer zur Übersiedlung nach dem menschenleeren Australien. Dann kamen in den dreißiger Jahren die Sandstürme, die Bodenerosion und die Dürre in den mittelwestlichen Präriegebieten. Diese Naturkatastrophen trieben bis zum Kriegsausbruch aus dem „dust bowl“ von Oklahoma, Kansas, Nebraska und den beiden Dakotas rund eine Viertelmillion Farmer mit ihren Angehörigen über die Rocky Mountains nach Westen. Aber Siedler sind es nicht in erster, sondern erst in letzter Linie, die der Westen heute aus dem Osten erhält. Das kräftigste Bevölkerungswachstum verzeichnen jene Staaten, die vor und nach 1939 eine machtvolle Ausweitung ihrer Industrieproduktion erlebt haben. New Deal und Kriegsindustrialisierung stehen diesmal am Ausgangspunkt des Zuges nach dem Westen, und sein Hauptkontingent stellt der Industriearbeiter. Kalifornien, das seine Bevölkerung auf 10 Millionen vermehrt hat, liefert das beste Beispiel. Eine im Kriege stark entwickelte Flugzeugindustrie, ausgebaute Stahlwerke und viele andere Industriezweige fangen in Kalifornien Millionen von Neubürgern auf Und wenn eines für die Beständigkeit der heutigen Entwicklung spricht, so ist es die Tatsache, daß die neuen Fabriken sich fünf Jahre nach Kriegsschluß noch behaupten oder an Bedeutung gar gewonnen haben.

Gewiß geht dieser Massenzustrom besitzloser Arbeitskräfte, nicht ohne soziale Reibungen ab. Hin und wieder klingt bei der Behandlung des Zuwandererproblems in der fernwestlichen Öffentlichkeit der USA ein Mißton an, der an die Auseinandersetzungen wegen der Vertriebenen im zeitgenössischen Westdeutschland erinnert; die Stadtverwaltung von Los Angeles hat sogar einmal Maßnahmen zur Rückführung und Abdämmung der Zuwanderung gefordert. Gemessen allerdings an den Zukunftsaussichten des amerikanischen Westens (und verglichen mit der auf den Nägeln brennenden Not der Flüchtlinge in Deutschland) können diese Unzutriglichkeiten nicht sehr ernst genommen werden. Der Westen verdient noch immer die Bezeichnung eines Landes der Verheißung. Sein Erzreichtum ist bisher, besonders im Nordwesten, kaum angerührt worden. Seine Holzreserven reichen zur Deckung fast des gesamten amerikanischen Bedarfs aus. Die Bewässerungsanlagen des New Deal in Kalifornien und Arizona werden eines nicht fernen Tages aus der südwestlichen Wüste einen fruchtbringenden Garten gemacht haben, und die Ausnutzung der billigen Wasserkräfte von Washington, Idaho und Oregon ist schon jetzt für Industrie und Landwirtschaft der pazifischen Wasserkante ein unschlagbarer Kostenvorsprung geworden.

Bestehen bleibt jedoch als Fazit der neuen Entwicklung die sichere Aussicht darauf, daß die Tage der alten Sozial- und Wirtschaftsverfassung des Westens, des „wilden“ Westens, gezählt sind. Die soziale Frage war schon immer sein Zentralproblem. Nirgends in den Vereinigten Staaten sind die sozialen Gegensätze von so eisiger Schärfe wie hier, wo zwischen den sozialen Polen, zwischen „big business“ und Gewerkschaften, ein die Spannungen auffangender und ausgleichender Mittelstand fehlt, wenn wir von San Franzisko und seiner Umgebung absehen. Der Einstrom neuer Menschen, die aus dem Osten mit geschärftem sozialem Gewissen in den leeren Räumen des Westens ankommen, wird diesen traditionellen Zustand der gesellschaftlichen Unstabilität allmählich ändern. Allmählich! Bis dahin wird noch mancher Streik und manche Aussperrung, die mit der Heftigkeit und Unnachgiebigkeit des Westens geführt werden, über die Bühne gehen, doch werden es, wie wir glauben, Vorboten einer ruhigeren und sozial ausgeglicheneren Zeit sein. Ist sie erreicht, so sind wir gewiß, daß uns der „Westen mehr wirtschaftlichen Nachrichtenstoff liefert als alle übrigen Landschaften des amerikanischen Kontinents zusammen – und das nicht nur, weil Hollywood im Leben des Durchschnittsamerikaners eine so große Rolle spielt.

Alfred Schneider