Dem Konvertiten Graham Greene fehlt alle Bekehrungssucht. Vielleicht konvertierte er, weil er innerhalb der katholischen Kirche das meiste Verständnis für die Sünde vermutete. Ihm kam „der Glaube gestaltlos, ohne Dogma, etwas das da war, oberhalb eines Krocketrasens, etwas das verbunden war mit Gewalt, Grausamkeit und dem Bösen. Man begann, an den Himmel zu glauben, weil man an die Hölle glaubte, doch lange war es nur die Hölle, von der man sich einigermaßen bestimmte Vorstellungen bilden konnte.“ So wurde ihm seine Reise nach Mexiko (beschrieben in: „Gesetzlose Straßen“. Aufzeichnungen aus Mexiko, im Herder-Verlag, Thomas Morus Presse, Wien) zur Reise in ein sündiges Land.

In der kleinen Grenzstadt Laredo, zwischen letzten Zeitungsbuden, die noch Bilder von pinup-Girls oder Kriminalromane verkaufen, in denen Pesos gegen Dollar eingetauscht werden, in dieser Welt des Scheins überkommt den Teufelssucher Greene eine glückliche „Anfangs-Stimmung – sie hat etwas von einer guten Beichte: der Schwebezustand einiger glücklicher Augenblicke zwischen Sünde und Sünde...“ Das ist unverfälschter Kierkegaard, ganz ohne die Verharmlosung des Sündigen in das bloß Nichtige. Indem Greene die Grenze nach Mexiko überschreitet, kommt er in das Gebiet des Teufels, und da der Böse dort anwesend ist, besteht auch wieder Hoffnung, auf Gott zu treffen.

Graham Greene hat vor noch nicht langer Zeit den Typ des ganz und gar amoralischen und ohne Werte lebenden modernen Menschen in seinem Film „Der dritte Mann“ gezeichnet? Harry Linie. Auch ihm begegnet er in Mexiko. Aber der Amoralische ist hier ein amerikanischer Polizeibeamter, ein älterer Herr schon, der seinen Urlaub in Mexiko verbringt und Greene im Zugabteil gute Ratschläge erteilt. „Und plötzlich... zeigte sich in dem alten, guten, rosigen Gesicht die dahinter verborgene unendliche Leere...“

Bei den Mexikanern selbst aber gibt es keine Nihilisten: es gibt Kirchen Verfolger, verkommene Trinker, feige Priester, gläubige Frauen, aber keinen Harry Lime. Und der gütige amerikanische Polizeibeamte tut gut daran, auch in Mexiko in amerikanischen Hotels abzusteigen. Dies ist ein Land, in dem der Lebensrhythmus identisch ist mit der Spannung zwischen Himmel und Hölle. Vielleicht ist es dem Schriftsteller Greene von diesem Erlebnis aus gelungen, jene Gestalt zu schaffen, die gerade eben schon böse genug ist, um in die Hölle zu kommen. Es ist der Bäcker einer kleinen englischen Stadt, die Hauptfigur in Graham Greenes Erzählung „Der Fingerzeig“, die in dem Sammelbande seiner Kurzerzählungen „Spiel im Dunkeln (Paul Zsolnay-Ausgabe, im Benziger Verlag Einsiedeln, Zürich, Köln) enthalten ist. Dieser Bäcker will einen kleinen katholischen Meßdiener dazu verführen, ihm das Altarssakrament, die Hostie, mit nach Hause zu bringen, damit er bestätigt findet, daß das geweihte Brot nicht anders schmeckt, als die ungeweihten Hostien, die er in seiner Backstube herstellt. Er besticht den Kleinen mit einer elektrischen Eisenbahn; abends kommt er an das Eenster des Kindes, um die Hostie zu holen? „David, wo ist sie? Gib sie her, schnell, morgen früh hast du deine Eisenbahn.“ – Aber David schluckt die Hostie herunter. „Da geschah es, was mir heute schrecklicher erscheint als sein Verlangen, mich zu verderben... Er begann zu weinen... Wenn ich heute daran zurückdenke, dann ist mir fast so, als hätte ich in jener Nacht das bewußte Wesen selbst über seine unausbleibliche Niederlage weinen sehen...“

Wo der Teufel auftaucht, wird Gott ihn schlagen. Das ist der Glaube Graham Greenes. Nur: der Teufel muß da sein. P. Hühnerfeld