Am 7. November wurde der nepalesische Herrscher Tribhuvana durch eine Palastrebellion des verwandtschaftlichen Rana-Clans entthronisiert und sein dreijähriger Enkel zum rechtmäßigen Nachfolger proklamiert. Dieser gewaltsam herbeigeführte Thronwechsel ist für Nepal kein Novum, neuzeitlich dagegen ist der nunmehr entstandene Bürgerkrieg. Unmittelbarer Anlaß dazu war die Emigration des Herrschers nach Neu-Delhi. Die tieferen Ursachen entstammen der alten und der neuesten Geschichte des Landes.

Um 1767 entriß der aus Radschputana vertriebene Prithvi Narayana Sah mit seinen tatarischen Gurkhas das heutige nepalesische Territorium dem tibetanischen Newar-Stamm und gründete die noch bestehende Dynastie. Kurz vor seinem Tode (1774) ordnete er die Erbfolge seiner Zwillingssöhne wie folgt: Pratapasinha Sah wurde Souverän, sein Bruder Rana Bahadur Sah dagegen Regierungsoberhaupt. Seit der Zeit führt der Rana-Clan die Staatsgeschäfte; er nominiert die maßgeblichen Minister und befehligt das Gurkha-Heer. Die älteren Söhne des Pratapasinha-Geschlechts dagegen waren stets nur nominelle Staatsoberhäupter. Dies ähnelt durchaus der staatspolitischen Struktur Japans in der Shôgunats-Ära von 1192 bis 1867, als der jeweilige Sei i tai shögun regierte und der Tenno nur nominell das Staatsoberhaupt war. Den Ranas gelang es, begünstigt durch die britische Indienpolitik, im vorigen Jahrhundert ihre Machtstellung in Nepal noch zu vergrößern. Das Volk geriet in eine Sklavenfron für den Rana-Clan, denn er verfügt über Grund und Boden des Landes. Die wehrfähigen Männer mußten, zu Gurkha-Verbänden vereint, gegen eine entsprechende Vergütung an die Rana-Oligarchie in der anglo-indischen Armee Dienst tun.

Die japanische „Neuordnung“ Asiens in den Jahren 1937 bis 1945 und der kommunistische Einfluß, den Moskau auf dem asiatischen Kontinent seit Kriegsende gewann, blieben auf die innenpolitischen Verhältnisse Nepals nicht ohne Wirkung. Vor drei Jahren gestattete der damalige Rana-Ministerpräsident erstmalig die Einberufing eines „National-Kongresses“. Dessen Arbeit erfuhr jedoch eine schwere innerpolitische Belastung, als 5000 Arbeiter der Rana-Juteplantagen im Biratnagar-Distrikt in den Streik traten. Der bisherige Premierminister wurde durch seinen Bruder Padma Singh Sher Rana ersetzt, der Ausstand mit Waffengewalt niedergeschlagen, das Parlament aufgelöst, der Präsident des National-Kongresses trotz persönlicher Intervention Nehrus gehängt, und viele Parlamentarier mußten nach Indien, Tibet und Skhim emigrieren. Diese Rana-Despotie führte zur Bildung einer Exilregierung unter dem Kongreß-Vizepräsidenten Bisweswara Prasad Koirala in Fatna, die von den in Burma und Indien lebenden 150 000 Nepalesen und 45 000 Gurkha-Soldaten, die noch in der indischen Armee Dienst tun, anerkannt wurde.

Man trat mit dem machtlosen Herrscher Nepals in geheime Verbindung, versuchte ihn für eine Reform des bisherigen Staatswesens zu gewinnen, hatte Erfolg – aber es fehlten die Möglichkeiten zu einer Beseitigung der Rana-Kamarilla, die alle Macht in Händen hielt. Außerdem befürchtete man, daß Indien jegliche revolutionäre Vorbereitung verhindern werde. Der Ablauf der Ereignisse in Nepals Hauptstadt Katmandu ist nicht recht zu übersehen. Es ist aber anzunehmen, daß der Rana-Clan Kunde von der Verbindung des Monarchen mit den Auslandsnepalesen erhielt, um seine dominierende Stellung durch eine drohende Demokratisierung bangte und entsprechend handelte, ohne zu ahnen, daß dadurch der Bürgerkrieg ausgelöst würde. Tausende von Nepalesen aus Indien und Burma, entlassene Gurkha-Soldaten vor allem, eilten zu der von Pisweswara Prasad Koirala proklamierten Befreiungsaktion, überschritten die Landesgrenze und kämpfen nun um Nepals „Befreiung“ vom Rana-Joch. Im Gegensatz zu den bisherigen „befreienden“ kommunistischen Aktionen soll hier ein feudalistischer Staat in eine Demokratie verwandelt werden. Wenn dieser Versuch in der Gebirgswelt des Himalaja glückt, könnte er in Asien zu einem anziehenden Beispiel werden.

Walter Persian